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Full text of "Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse [Politisch-Psychologische Schriften der Sex-Pol Nr. 2]"

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POLITISCH-PSYCHOI.OQISCHES€HRirTE£ 

DER SEX-POL. 



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POLITISCH-PSYCHOLOGISCHE SCHRIFTENREIHE 

DER SEX-POL. 



NR. 2 



WILHELM REICH 



DIALEKTISCHER MATERIALISMUS 
^UND PSYCHOANALYSE 



19 3 4 



VERLAG FÜR SEXUALPOUTIK, KOPENHAGEN, POSTBOX 827 



n 



Copyright 1934 

Vorlag tut SexualporiUk 

Kopenhagen 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Druck: Universal Trykkariel. Kopenhagen 



-■rt^rs^:. 



Vorwort 

zum Neuabdruck 1934 

Das grosse Interesse für die vorliegende erste Zusammenfassung 
der Beziehungen zwischen, dialektisch em Materialismus und Psycho- 
analyse veranlasste den Verlag für Sexual pol itik, die Abhandlung, 
die 1927/1928 abgefasst wurde und 1929 in der Zeitschrift »Unter 
dem Banner des Marxismus« in russischer und deutscher Sprache er- 
schien, in Broschürenform herauszubringen. Sie liegt auch französisch 
übersetzt vor in »La crise sexuelle«, Paris, Edition Social. Int., 1933. 

Vor die Frage gestellt, die Abhandlung durch Neubearbeitung auf 
das Niveau meiner heutigen Anschauungen zu bringen oder sie der 
Öffentlichkeit in ihrer damaligen Fassung neuerdings vorzulegen, 
entschied ich mich für das zweite. An Grundsätzlichem liabe ich 
nichts zu andern; wohl sind die Einsichten im Laufe dieser sechs 
Jahre beträchtlich erweitert, stellenweise auch korrigiert und präzisiert 
worden. Im ganzen aber ist die konkrete Bearbeitung des Gebietes 
der Sexualökonomie, das hier erschlossen wurde, noch durchaus im 
Flusse der Entwicklung und mit schwerer neuer Problematik belastet. 
Ich zog es daher vor, zunächst die Abhandlung in ihrer allen Form 
herauszugeben und nur durch ergänzende Fussnotcn*) anzuzeigen, 
welche Stellen anderwärts ausgearbeitet wurden, welche der Korrektur 
bedurften und wo sich mittlerweile neue Probleme und Lösungen 
ergaben. Die Abhandlung bleibt also nur die orientierende Einführung 
in die Psychoanalyse vom marxistischen Standpunkt aus. Eine 
ausführliche Angabe der seither erfolgten Publikationen wird den 
Leser hoffentlich befähigen, in meinen Schriften die Ergänzungen 
bzw. grundlegenden Darstellungen aufzusuchen. 

Ich kann korrekterweise nicht länger verhehlen, dass alle Be- 
teiligten sich von den hier dargelegten Zusammenhängen distanzierten. 4 

Freud lehnte die Beziehungen von Marxismus und Psychoanalyse I 

grundsätzlich ab und bezeichnete die beiden Disziplinen als einander 
konträr. Den. gleichen Standpunkt beziehen die offiziellen Vertreter 



') diese sind mit (1934) «ekennzcithnet. 



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der Komintern. In beiden Lagern wurde ich vor die Alternative ' 
stellt, zwischen der Psychoanalyse und dem revolutionären Marxism..- 
zu wah en. Ich überlasse es der Öffentlichkeit, zu beurteilen, und de 
Zukunft, zu entscheiden, wer hier Recht hat. Vielleicht gelinst 3 
mir, einmal die Gründe zusammenzustellen, die diese Stellunenahm^ 
veranlassen. ° """i^ 

Am Schluss muss ich noch der vielen anderen Versuche gedenke! 
die in der Luft schwebenden Zusammenhänge von Marxismus ual 
Psychologie zu fassen. Ohne zu ihnen jetzt sachlich Stellun/^ 
nehmen muss ich doch die Abgrenzung zunächst an der entscheidend 
sten Stelle vornehmen: Sie gehen alle an der Kernfrage, der sexueuf' 
Not m der Masse der Erdbevölkerung vorbei und finden nicht de 
Anschluss an die von mir vertretene sexualpolitische Grund anschauun 
und Praxis. Sie smd entweder akademisch-theoretisch reservierrol' 
weitherzig liberal in der Zuordnung von Soziologie und PsycholoSa 
Doch fordern gerade die Kompliziertheit der Tatsachen und ihre r3 
dcut^ng für die Kulturpolitik der Revolution die allergena^esfe^ 
Abgrenzungen und die schärfste Vertretung der einmal errungen^ 
Gesichtspunkte im Nebel, den der ideologische und kulturelle Proz^ 
unseres Sems noch immer bildet. Ich muss also auch die Verant^^^ 
i^sSch "p' P-duktlonen aus dem Gebiete der dialektisch m^^^ \ 
listischen Psychologie und Sexuologie ablehnen, die nicht von mJ 
oder memen Schülern stammen, das Gleiche gilt für derartige Arbeit^ 
die zwar von mir bestimmte Grundanschauungen übernehmen 2 ^ 
aber durch Weglassung des Wesentlichsten schon jetzt verfla^hül 
und es ausserdem offenbar als eine Gefahr oder als eine Vermindernd! 
des eigenen Ruhms betrachten, die Herkunft der übernommenS 
Ansichten zu nennen. "cnen 

Im Oktober 1934. 

Wilhelm Reich 



.. 



Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse 

I. Vorbemerkung 

nie Aufgabe dieser Abhandlung ist, zu untersuchen ob und in- 
■ ^ ^n die Psvehoanalyse Freuds Beziehungen zum dmlekt.schen 
wiefern die 1 syenoana y Rnsels hat. Von der Antwort, die 

^^^n— S.e'^ge^LTLeÄ es abhängen, ob die Bas.s 
wir auf diese »'^.^S^^ Beziehungen zur proletarisehen Revolution 
^^V'^K^s:« geg^b::^^^ ^venl^en Beiträge zum Thema 

und zum ^\^'';"';7|^^^^^^ die sich bisher in der Literatur fin- 

.Psychoanalyse und Soziahsmus ^^^^^^^ ^^^ entsprechenden 

den. leiden X'XytZ^n\\y.e oder der im Marxismus entbehrt. 
Orientierung in der P^y-^^^^^^^^ ^^^ Anwendung psychoanaly- 

Auf marxistischer ^^'^^ 7^!^^" ^ ^.^^...ftgiehre zum Teil berechtigt. 
j,,eher ErUenntn.se ^^l^^^^::^^^ diesem Thema entbehr- 
DiewemgcnBeitragevonr y ^ grundsätzlichen Fragen 

ten einer entsprechende^ «^^^^^^ ^^^^^ ^..^.^ 

des dialek ischen Materia^ismu ^^^.^^^^^,^ den Klassenkampf. 

f/^rwldefie für de^ monistischen Soziologen unbrauchbar. 
Dadurch werden ^'^^^^ psychologische Probleme für den 

ebenso wie eine A^*\^"';3f^^ ^,enn sie die Tatsachen der 

Psychoanalytiker bedeutungslos Z^'^^^l^^^^^^-. ^^ des unbe- 

kindlichen Sexualentw.cklung der Se^^^^^^^^^^^^^ ^„^^^ 

wssten Seelenlebens und des ^.^^"^'™*; ^. ^^^^^ ^,^^ koI- 

ohne je wirkhch Analy™ b ^^^ ^^^ Abfassung 

""l' "1' le"e Arb U s rotrf von falschen, metaphysischen und 
S »-/n^rgutgen der von de. Psychoanalyse -t^ecMen Ta^ 
bestände; sie kommt für unsere Diskussion 1"" -^^"^ jf '^^^ ^ 
Irrtümlicherweise wurde er von Jurinetz, der Kolnais Arbeit 



I 



1) Internationaler Psychoanalytischer Verlag, 1923. 






zum Ausgangspunkt einer Kritik der Psyclioanaiyse machte, als »einer 
der eifrigsten Schüler Freuds« hingestellt''). 

Wir können hier im Detail auf die Arbeit von Jurinetz nicht 
eingehen müssen aber zur prinzipiellen Klärung voranschicken, dass 
die ablehnende Kritik der Psychoanalyse durch marxistische Theo- 
retiker in zwei Punkten berechtigt ist. 

1. Sobald man den eigentlichen Boden der Psychoanalyse verlässt 
und insbesondere ihre Anwendung auf Probleme der Gesellschaft ver- . 
sucht, wird sie sofort zur Weltanschauung ausgebaut; sie tritt dann- 
etwa als psychologische Weltanschauung, die die Herrschaft der Ver- 
nunft predigt, der marxistischen entgegen, mit dem Anspruch, durch 
vernünftige Regelung der menschlichen Beziehungen und durch 
Erziehung zur bewussten Beherrschung des Trieblebens ein besseres 
gesellschaftliches Dasein vorbereiten zu können. Dieser utopische 
Rationalismus, der überdies eine individualistische Auffassung des 
gesellschaftlichen Geschehens verrät, ist weder originell, noch revo- 
lutionär und geht fraglos über die Befugnisse der Psychoanalyse 
hinaus. Sie ist nämlich nach der Definition ihres Schöpfers nichts 
anderes, als eine psychologische Methode, die mit naturwissenschaft- 
lichen Mitteln das Seelenleben als ein besonderes Gebiet der Natur zu 
beschreiben und zu erklären versucht. Da die Psychoanalyse weder 
eine Weltanschauung ist, noch entwickeln kann, kann sie die ma- 
terialistische Geschichtsauffassung auch nicht ersetzen, noch ergänzen. 
Als Naturwissenschaft ist sie der Marx sehen Geschichtsauffassung 
disparat^) 

2. Der eigentliche Gegenstand der Psychoanalyse ist das Seelen- 
leben des vergesellschafteten Menchen. Das der Masse kommt für 
sie nur insofern in Betracht, als individuelle Phänomene in der Masse 
in Erscheinung treten (etwa das Problem des Führers), ferner, soweit 
sie Erscheinungen der »Massenseele«, wie Angst, Panik, Gehorsam usw. 
aus ihren Erfahrungen am Enzelnen erklären kann. Aber es scheint, 

■-i) »Psychoanalyse unil Marxismus«, »Unter dem Banner des Marxismus«, 1. Jahrg., 
1. Heft, S. 93. 

:i) (1934) Das bedeutet keineswegs, dass sich aus den analytischen Erkenntnissen 
keim; gesellschaftlichen Konsequenzen ergeben. Da jede Wissenschaft schon 
aus einer praktischea Stellungnahme zu Daseinsfragen hervorgeht, wie etwa 
die Psychoanalyse aus der Frage nach Verständnis und Heilung der seelischen 
Erkrankungen hervorging, liegen praktische Notwendigkeiten jeder wissen- 
schaftlichen Forschung zugrunde. Der Naturforscher kann fruchtbarste Arbeit 
leisten, ohne selbst zu weltanschaulichen Konsequenzen zu gelangen. Gewöhn- 
lich leiden aber seine Forschungen, wenn seine anders erworbene Weltan- 
schauung seiner Forschung widerspricht. Verhindert er dann andere, deren 
Tätigkeit weltanschauliche Praxis ist, die Konsequenzen aus seiner Lehre, die 
er selb-st ablehnte oder nicht sah, zu ziehen, dann ist er in Konflikt mit sich 
selbst geraten ein Schicksal, das die grössten unter unseren Forschem nicht 
verschonte. Es war also nicht F r e u d s Pflicht, als Naturforscher die gcsell- 
sc-haftlichen Konsequenzen seiner Lehre zu ziehen; dem praktischen Soziologen 
M^nt es vorbehalten, dies zu tun. Dass diese Trennung von Forschung und 
Kons nuenz nur eine Eigentümlichkeit der bürgerlichen Gesellschaft ist und 
hn Sozialismus aufhören muss, versteht sich von selbst. 



als ob ihr das Phänomen des Klassenbewusstseins kaum zugänglich 
wäre, und Probleme, wie das der Massenbewegung, der Politik, des 
Streiks, die der Gesell Schafts lehre angehören, können nicht Objekte 
ihrer Methode sein. Sie kann also auch die Gesellschaftslehre nicht 
ersetzen, noch aus sich heraus eine Gesellschafts lehre entwickeln. 
Wohl aber kann sie der Gesellschaftslehre etwa in Form der Sozial- 
psychologie Hilfswissenschaft werden. Sie kann etwa die irrationalen 
Motive aufdecken, die eine Führernatur bewogen, sich gerade der 
sozialistischen oder der nationalistischen Bewegung anzuschliessen^), 
sie kann ferner die Wirkung der gesellschaftlichen Ideologien auf die 
seelische Entwicklung des Einzelnen verfolgen'*). Die marxistischen 
Kritiker haben also Recht, wenn sie manchen Vertretern der Psycho- 
analyse vorwerfen, dass sie zu erklären versuchen, was mit dieser 
Methode nicht erklärt werden kann; sie tun aber Unrecht, die Me- 
thode mit denen, die sie anwenden, zu identifizieren, und Fehler, die 
diese begehen, jener in die Schuhe zu schieben. 

Die behandelten zwei Punkte leiten über zu einer notwendigen, aber 
in der marxistischen Literatur nicht immer klar hervortretenden 
Unterscheidung zwischen dem Marxismus, soweit er Gesellschafts- 
lehre, also Wissenschaft, und dem Marxismus, soweit er eine Unter- 
suchungsmethode und soweit er weltanschauliche Praxis des Prole- 
tariats ist«). Die marxisüsche Gesellschafts lehre ist Resultat der An- 
wendung der marxistischen Methode auf das Gebiet des gesellschaft- 
Hchen Seins. Als Wissenschaft ist die Psychoanalyse der Marxschen 
GeseMschaftslehre gleichgeordnet: Jene behandelt die seeli- 
schen, diese die gesellschaftlichen Erscheinungen. Und nur insoweit 
gesellschaftliche Tatsachen im Seelenleben, oder umgekehrt seelische 
im gesellschaftlichen Sein zu untersuchen sind, verhalten sie sich 
jeweilig zueinander als Hilfswissenschaften. Die Gesellschaftslehre 
kann also auch keine neurotischen Erscheinungen, keine Störung der 
Arbeitsfähigkeit oder der sexuellen Leistung aufklären. Anders verhält 
es sich hinsichtlich des dialektischen Materialismus. Hier gibt es nur 
zwei Möglichkeiten: Entweder widerspricht ihm die Psychoanalyse als 
Methode, d. h., sie wäre idealistisch und undialektisch, oder aber es 
lässt sich nachweisen, dass die Psychoanalyse, wenn auch unbewusst 
wie so viele Naturwissenschaften, auf ihrem Gebiete die materialisti- 
sche Dialektik tatsächlich angewendet und dementsprechende Theorien 
entwickelt hat. Hinsichtlieh der Methode kann die Psychoanalyse nur 

tl T£l:,^\^°^'^' ^^^^^^ll-^' ^e"- Führer«. Int. Psychoanalytischer Verlag, 1926. 

5) (1934) Diese Fonmilierungen wurden von psychoanalytischen Sozioloßen auf 
das schärfste angegriffen. Vgl. hierzu meinen Aufsatz »Zur Anwendung der 
Psychoanalyse in der Geschichtsforschung«, Ztsch. f. pol. Psych, u. Sexualök 
Heft 1, 1934. Zur Frage der Anwendung psychoanalytischer Erkenntnisse in 
Iragen des Klassenbewusstseins vgl. die aus meinem Kreis hervorgegangene 
Arbeit von Ernst PareU »Was ist Kiassenbewusstsein?«, Verl. f. Sex- 

fl) Natürlich lassen sich Methode und Wissenschaft praktisch nicht trennen sie -i 

sind ineinander verflochten. Vgl. sZur Anwendung der Psychoanalyse etc.«. '■.^f] 

7 



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entweder dem Marxismus widersprechen oder entsprechen. Im ersten 
Falle wenn nämlich ihre Ergebnisse nicht dialektisch-materialistische 
wären müsste der Marxist sie ablehnen, im letzten Falle aber wusste 
er, dass er eine mit dem Sozialismus nicht in Widerspruch stehende 
Wissenschaft vor sich hat') "). . ^. „ ^ 

Zwei Einwände wurden von marxistischer Seite gegen die Psycho- 
analyse als eine im Sozialismus berechtigte Disziplin vorgebracht: 
1 Sie sei Verfallserscheinung des untergehenden 
Bürgertums. Dieser Einwand verrät einen Riss im dialektischen 
Denken hinsichtlich der Psychoanalyse. Ist nicht auch die marxisti- 
sche Gesellschaftslehre eine »Verfallserscheinung des Bürgertums« ge- 
wesen? Sie war »Verfallserscheinung« insofern, als sie ohne den Wider- 
spruch zwischen den Produktivkräften und den kapitalistischen Pro- 
duktionsverhältnissen nie hätte entstehen können, aber sie war die 
Erkenntnis und damit gleichaeitig der ideologische Keim der neuen 
Wirtschaftsordnung, die sich im Schosse der alten entwickelte. Die 
soziologische Stellung der Psychoanalyse werden wir später ausführli- 
cher behandeln, diesen Einwand aber widerlegen wir am besten mit 
den Worten des Marxisten WittfogeP). 

2. Sie sei eine idealistische Wissenschaft. Etwas 
mehr Sachkenntnis hatte die Kritiker vor diesem Urteil bewahrt, und 
einige Objektivität der Disziplin gegenüber hätte nicht vergessen 

') über den Begriff der »proletarischen« und »bürgerlichen« Wissenschaft vgl. 
W i 1 1 f o g e I, »Die Wissenschaft in der bürgerlichen Gesellschaft«, Malik- Verlag. 

8) (1934) Dann wäre sie aber nicht nur anzuerkennen, sondern in das Gebäude 
der dialektisch-material istischen Weltanschauung einzubauen. Das bliebe Dicht 
ohne Einüuss auf bisherige Anschauungen und Theorien. Marx und Engels 
hatten immer betont, dass jede neue naturwissenschaftliche Entdeckung das 
Weltbild des dialektischen Materialismus verändern und vorwärtsbringen 
würde. Wenn sich so oft bornierte Marxisten gegen den Einbau neuer Wissen- 
schaften wehren, so tun sie dies zwar in bester Überzeugung, den Marxismus, 
»rein zu bewahren«, begeben aber den schweren Fehler, die dialektisch-materia- 
listische Weltanschauung und Methode mit der marxistischen Tatsachentheorie 
zu verwechseln; jene ist viel umfassender, allgemeiner, beständiger als diese, 
die wie jede Theoriebildung über Tatsachen der Wandlung unterworfen ist. 
Eine Theorie über den Mittelstand etwa, 1849 aufgestellt, kann unmöglich füi- 
den Mittelstand 1934 unbeschränkt Geltung haben. Doch die Methode, zu 
richtigen Ergebnissen über den Mittelstand damals und jetzt zu gelangen, ist 
dieselbe geblieben. Die Methode der Untersuchung ist immer wichtiger als- 
die jeweilige Theorie. 

0) Ebenda, S. 18. , . ,. -, 

»Einzelne marxistische Kritiker — die 'Bilderstürmer' — machen sich ihre 
Beurteilung der heute bestehenden Wissenschaft sehr leicht. Sie murmeln 
mit einer zusammenfassenden Geste: ,Bürgerliche Wissenschaft!' und damit 
ist für sie die ganze Wissenschaft abgetan, das Problem erledigt. Eme solche 
Methode (After-Methode!) arbeitet mit dem Rüstzeug der Barbaren.. Von 
Marx und seiner dialektischen Denkweise hat dergleichen nichts als — leider 
— den Namen übarnommen. Der Dialektiker weiss, dass eine Kultur nicht 
einheitlich ist wie ein Scheffel Erbsen, sondern dass jede Gesellschafts- 
ordnung ihre Widersprüche hat und dass in ihrem Schosse die Ausgangs- 
nunkte neuer Gesellschaftsepochen keimhaft vorbereitet sind. Für den Dia- 
lektiker ist also keineswegs schon alles, was Im bürgerlichen Zeitalter von 
bürgerlichen Händen geschaffen wurde, minderen Wertes und für die Zukunfts- 
gesellschaft unvorwendbar.« 

8 



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lassen, dass jede Wissenschaft, sie mag noch so materialistisch fundiert 
sein, in der bürgerlichen Gesellschaft idealistische Abweichungen, 
erwirbt und erwerben muss. In der Theoriebildung, die sich von der 
Erfahrung auch nur um einen Schritt entfernt, ist eine idealistische 
Abweichung begreiflich und sagt nichts über die wahre Natur der Wis- 
senschaft aus. Juri netz hat viel Mühe darauf verwendet, gerade 
die idealistischen Abweichungen in der Psychoanalyse herauszustrei- 
chen; gewiss, es gibt solche Abweichungen, sogar in grosser Zahl, 
aber die Frage ist, wie die Elemente der Theorie, die grundsätzlichen 
Auffassungen der seelischen Vorgänge sind. 

Sehr oft wird die Psychoanalyse im Zusammenhang mit der Dis- 
kussion der reformistischen Richtungen in der Politik erwähnt 
^ (Thalheimer, Deborin). Der Tenor dieser Beziehungssetzung 
ist, dass sich die reformistischen Philosophen gern auf die Psycho- 
analyse berufen, ja, de Man hat tatsächlich die Psychoanalyse in 
reaktionärer Weise gegen den Marxismus ausgespielt. Aber ich be- 
haupte — und ich kann mich hier auf linke Marxisten berufen —, 
man kann, wenn man will, in reaktionärer Weise auch »Marxismus« 
gegen Marxismus ausspielen. Einem wirklichen Kenner der Psycho- 
analyse wäre aber nie eingefallen, die »Psychoanalyse« de Mans 
mit der Psychoanalyse Freuds in Beziehung zu bringen, wie 
Deborin«"^) es tat. Was hat de Mans sentimentaler Gesinnungs- j 

Sozialismus mit der Libidotheorie zu tun, auch wenn er sich auf die ■ ^ 

von ihm nie verstandene Psychoanalyse beruft? Ich werde im letzten U 

Abschnitt zu zeigen versuchen, dass mit der Psychoanalyse in den -^ 

Händen des Reformismus") dasselbe vorgehl wie mit dem lebendigen , ' 

Marxismus, nämhch Verflachung und Verwässerung. 1 

Wir wollen der Reihe nach folgende Fragen behandeln: A 

1. Die materialistische Grundlage der psychoanalytischen Theorie. '1 

2. Die Dialektik im Seelenleben. 

3. Die gesellschaftliche Stellung der Psychoanalyse. 



II. Die materialistischen Erkenntnisse der Psychoanalyse und einige 

idealistische Auslegungen 
Ehe wir den grossen Fortschritt zeigen, den die Psychoanalyse in 
materialistischer Richtung gegenüber der vorwiegend idealistischen 
und formalistischen Psychologie vor ihr bedeutet, müssen wir uns von 
einer auch in marxistischen Kreisen weit verbreiteten und irreführen- 
den »materialistischen« Auffassung des Seelenlebens abgrenzen. Es 
ist der mechanistische Materialismus, wie er etwa von den französi- 

10) Deborin, »Ein neuer Feldzug gegen den Marxismus«. »Unter dcra Banner 
des Marxismus«, Jahrg. 2, Heft 1/2. 

11) (1934) und des Ökonomismus. 



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t„ten wurde uad sich m den vulgär ma, ^^^^ _^^^^^^.^^^ ^^._^^ 

behauptet, dass seelische Ph^"°™™''j^ Seelischen nichts als körper- 
und dass ein ^"^^'^^'^^^^X^fZc^en Materialisten erseheir.t 
liehe Vorgange zu erbucken ^ .^^^^^ ^_^^ dualistischer Irr um. 

schon der Begriff '^^f" ^'° „^tio^ out den sich in die burgerhche 
was zweifellos eine extreme 'J'^^I'^^^^T, .„,,„„5 ist. Nicht die Seele 
Philosophie tortsetzenden platon,sel^^=nIdatanu^^^^^ ^.^ .^^^^ ^^^ 

?rrh-:;trr dart TaSr:n".?r und w.ghar „der tast.ar 

menschliche V°"l''Atice Seite im Gegeosatz zum Malcrial.sm^s, 
Daher i-Dschah es, dass die tatige beite »^ u b i^iealismus natur- 

vot Idealismus -t^yickclt wu^J J- J- -bsUa^^^^^ ^^^^ ^^^^ 

lieh die ^'irkliche ^'"" -»jf^ J^^^'l^^^^^^^^ ^'.Ml^h unterschiedene Ob ekte; aber 
rÄ^rmt".Sltre^°^^^^^^^^^ nicht ... ,e.enstandl,cbe 

scholastische Frage. Aber: M<Mischen Produkte der Umstände 

,Die materialistische U.hre, ^a^^J- ^,isa Produkte anderer Umstände 

und der Erziehung veränderte "^^f ^"^^^j^^. Umstände el>en von den Men- 

und geänderter Erziehung ^;^f ' J'^^^J ^j';,te^:/ Reibst erlogen werden muss« i*). 

i^TT^IT^terialismus des.vorigen .ahrh^n^^^^^^ 

weil von allen Naturwissenschaften «^™^^^ J^JJ existierte nur in ihrer kmd- 
gewissen Abschluss gekommen war. D^^^h^-J^^^ ex^ .^ ^^^ ^. ^ 

liehen, phlogistischen GestalL . ß^V^^^'^^^^'^^^/J groben untersucht und wurde 
pflanzliche und tierische Organismus war nur mgr ^^^^^^^^^ ^^, Tier, war 

aus rein mechanischen Ursachen .^J^/f ^' ^/."„geh eine Maschine. Diese aus- 
dem Materialisten des 18. f l^^J""f"\\''£/S auf Vorgänge, die che- 

. schlicsslichc Anwendung des "^^^^/°" , ^^ d^^^^ die mechanischen Gesetze 
mischer und organischer Natur «;"^'";^,if;;,f Gesetzen in den Hintergrund 
zwar auch gelten, aber von .^"d«^^":,.X '^'bcr in ihrer Zeit unvermeidliche 
gedrängt werden, bildet ^'^ ^''^^. ^SSe/Seriali^ (Engels. .Feuer- 

Bosch rÜnktheit des klassischen ff«"^^,'',^ ^'=''!'' 3 " f ) 

bach«. Verlag für Literatur und Pol.t.k. S. ^^ *> j^ ^ie Losung einiger 

(1934) Der Sexualokonomie gelang es miuu. p^yciiischen konkreter 

grunditziicher Fragen über «^^^^S ,/brluc^^^^^^^^^ Ergebnissen 

sätzlichkcit darzulegen ver-c^^^^^^^ »Marxistische Bibliothek, Bd. 3. S. 73. 
13) Anhang zu b n g e 1 s. »«"i- 
li) Ebenda, S. '4- 

10 






psychologische Methode. DannXflfle^ ''?'"" """ "^'"^ «i" 
nicht von K,assent,ewusstsein, ^'.üiS^ü™, «^^^'^ZS^'^rr 
logie usw. sprechen, sondern muss warten hi, ii„ r ^ 

sprechenden körperlichen Vorgänge in Fomel tl ""," ",'" ™'" 
flexologic die entsprechenden RelteCuXc, Ir , " f"! '*''■ 

da solche Psychologie notwendigerweht'küalenR '."""' 
stecken hleibt und nicht .un, pr'aktiscll"'Lh ,T d r VorU-U :;":„ 
und Gefnhle vordringt, nicht un> ein Jota hesser verstehen was n.s 

psychologischer nnd nicl:t^tgl^:;her^Sd:tta"r'i^ 

des Marxismus beschlossen. triasst, im Kahmcn 

Freilich, es genügt nicht, um eine Psychologie materialistisch 

rernfh r%''V"" ■"" '^^ -'--Hea Gegche„h teü d l e,en" 
lebens befasst. Sie wird vielmehr eindeutig Stellung zu der pl^ 

nehmen müssen, ob sie die seelische Tätitke t l , t ^° 

d. h. jenseits des Organischen set:de'Ge eb 'nh t "^'Z'l 

"' TS.i:'7^!:Zl^r,T^^^^^^ P..c.oanaI.ti.Keo Wi.scn ..r Zeit, 

ziser fiefasst werde/: Sf PsXra vse e,ild/u''°"°*^ f'' Tatbestand pr«: 
speziell kennzeichnende GeselL^wrifwa HP ''lk'""^ ""' SceknlebcQ 

.. chische auf Organischem aufbaut hat Fr^dL^'""- ^'"'' ''*^'' ^'''^ *'«>- 
die psychische Gesetzlidikei au!' ,w T'L^''''. ''T'"'^^ angenommen, ohne jedoch 
Ökonomie, die den Sexu^rozcss in «n^' ■" ^V^^^^^i'^kein. Die Sexual- 
ebenso wie physiologischen biolo=is<.h/\ ''""° ^^-^tionen. psychischen 
sätzlich erfassen muss wenn ?el, eine. ?"'\?"' gesellschaftlichen Rrund- 

Plin werden will, n.««; TarseTncHcTru^dgeTctTn In^ ^^^^'- 

aufspüren; derart sieht sie sich vnr ,17^ t • • '^" ^""''" Funktionen 
sexualpsychischen aus den scxüalhrolL l h ^'=''^'^7^ ^"^^S'ibc gestellt, die 
bei kommt ihr die dialSsche M thode d^ abzuleiten. Hier- 

Grundsätzlich ist zu sagen: Das Psychfs'Vf L^ w^^^^^^ anwendet, zu Hilfe, 

hervorgegangen, muss daher die gScn Ges'll 5 l ^"' ^*^"^ ^^'■««"'«'^•^'^n 
tritt aber anch gleichzeitig dem Organischen ^1' r.?'''? "'''" '^'"*^^' '' 
entwickelt in dieser Funktion eine eigene m^r fhm nif "f^'',-'^^'^'"""'''^'" """^ 
keit. Nur die Erforschung dieser let^t^nT^.^J-, ^*^'^''^"™"^'"-' <^<^se(zlic]i- 
sein; sie ist in der HaupiacheVeStet Zd^ "'' P=^y'="°=>«alyse 

Sexualökonomie die Lösung der Sge nlch d^'n k " ^" "^^^t^«»- ^ass der 
tionsbcziehnngen grundsätzlich gelingen kann oh^I^'M-"!''^""'''^'* ^"''^- 
von noch unkontrollierbaren Verhältnissen ab v^l -n '• ^^ ^^^' ^'^"^^^ 

tativen Lebens«, .Ztschr. f. pol. Psych. rsSxöl^^^'H^a!::^^^"*' '" ^"^^- 
le) Engels, »Feuerbach«, S. 28. 



11 



■1^ 



Lenin in »Materialismus und Emiiiriokritizismus«^'') zum Thema 
seiner erkenntniskritischen Untersuchung gemacht, nämlich die 
Stellung zur Frage der Erkenntnistheorie, ob die Welt real, ausserhalb 
und unabhängig von unserem Denken besteht (Materialismus), oder 
ob sie nur in unserem Kopfe als Vorstellung, Empfindung und 
Wahrnehmung existiert (Idealismus). Ein dritter Unterschied, der 
mit den ersterwähnten zusammenhängt, ist, ob man der Ansicht ist, 
dass der Körper sich die Seele baut oder umgekehrt. 

Statt diese Fragen für die Psychoanalyse allgemein zu beantworten, 
beginnen wir mit der Darstellung ihrer grundlegenden Theorien. Ob 
die Tatsachen, auf die sich die Psychoanalyse stützt, richtig oder 
falsch sind, das zu beurteilen, kann nie Sache methodologischer, 
sondern nur empirischer Kritik sein. Den Fehler, ohne genügende 
Sachkenntnis die psychoanalytische Theorie empirisch zu kriti- 
sieren und ihre Befunde zu bestreiten, hat unter den Marxisten 
Thalheim er^^) begangen, während Jurinetz nur methodolo- 
gische Kritik übte, freiUch ebenfalls ohne genügende Kenntnis der 
analytischen Empirie. Wir werden die psychoanalytischen Theorien 
nicht zu beweisen versuchen; ein solches Beginnen überschritte sicher 
den Rahmen dieser Arbeit und wäre überdies fruchtlos. Die Beweise 
sind einzig in der eigenen empirischen Erfahrung zu finden. 

a) Die psychoanalytische Trieblehre. 

Das Gerüst der psychoanalytischen Theorie ist ihre Trieblehre 
und das bestfundierte Stück davon im besonderen die Libidotheorie, 
die Lehre von der Dynamik des Sexualtriebes^^). 

Der Trieb ist ein »Grenzbegriff zwischen Seelischem und Soma- 
tischem«. Unter Libido versteht Freud-") die Energie des Sexual- 
triebes. Die Quelle der Libido ist nach Freud ein noch nicht 
völlig bekannter chemischer Prozess im Organismus, besonders im 
Sexualapparat und in den sog. »erogencn Zonen«, Körperteilen, die 
besonders sexuell erregbar und Konzentrationsstätten der körper- 
lichen sexuellen Erregung sind"). Ueber diesen Quellen der Sexual- 

") Lenin, Sämtliche Werke, Bd. XIII, Verlag für Literatur und Politik, 1927. 

18) »Die Auflösung des Austromarxisraus«, »Unter dem Banner des Marxismus«, 
Jahrg. 1, Heft 3, S. 517 ff. 

1») (1934) Die dialektisch-materialistische Überprüfung und klinisch- empirische 
Fortführung der Freudschen Trieblehre ergaben eine Auffassung der Trieb- 
dynamik, die die ursprünglichen Freudschen Auffassungen bereits zu einiger- 
massen befriedigendeo Ergebnissen entwickelte, (Vgl. »Gharakteranalyse«, 
letztes Kapitel, Verl. f. Sex-Pol 1933.) 

20) »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie«, Gesammelte Schriften, Bd. V., Int. Psa. 

Verlag. 

21) (1934) Neuere klinische Beobachtungen ändern im Zusammenbange mit den 
Forschungen der modernen Organ Physiologie diese Auffassung zugunsten der 
anderen ab, dass es sich um elektrophysiologische Ladungs- und Entladungs- 
vorcänge im Organismus handelt. Vgl. hierzu »Der Orgasmus als elcktrophy- 
siologisehe Entladung«, Z. f. p. P. u. S., H. 1, 1934 und die auf die Forsehun- 
L'en von F r Kraus bezogenen Stellen in »Der Urgegensatz etc.« Der so- 
genannte sexuelle Chemismus sj;hei°V°."^..*'„'''l„fj;!''i"°° f!°fL!™ ^i^""!/^" 



organischen Energetik zu sein. Hier liegt das meiste noch in tiefem Dunkel. 



12 



erregung erhebt sich der mächtige Ueberbau der seelischen Libido- 
fuaktionen, der an seine Grundlage gebunden bleibt, sieh mit ihr ver- 
ändert — quantitativ sowohl wie qualitativ — wie etwa in der Puber- 
tät, und mit ihr zu erlöschen beginnt, wie nach dem Klimakterium. 
Im Bewusstsein spiegelt sich die Libido wieder als körperlicher und 
seelischer Drang nach Sexualhefriedigung, das heisst lustvoller Ent- 
spannung. Freud hat die bestimmte Hoffnung ausgesprochen, dass 
die Psychoanalyse einmal auf ihr organisches Fundament gestellt 
werden wird, und der Begriff des Sexualchemismus spielt in seiner 
Libidotheorie als Hilfsvorstellung eine wesentliche Rolle, doch kann 
die Psychoanalyse methodisch niclit an die konkreten Vorgänge im 
Organischen herantreten, das bleibt der Physiologie vorbehalten"-'-) . 
Die materielle Natur des Freudschen Libidobegriffes zeigt sich sehr 
gut darin, dass seine Lehre von der infantilen Sexualität später von 
Physiologen bestätigt wurde, indem sie schon beim Neugeborenen 
eine Entwicklung der organischen Sexualapparalur fanden. 

Freud räumte mit der Auffassung, dass der Geschlechtstrieb erst 
»in der Pubertät erwache«, auf, er zeigte, dass die Libido von der 
Geburt an bestimmte Entwicklungsstufen durchläuft, ehe sie die Stufe 
der genitalen Geschlechtlichkcit erreicht. Er erweiterte den Begriff 
der Sexualität durch Einbeziehung aller jener Lustfunktionen, die 
nicht an das Genitale gebunden, aber unzweideutig sexueller Natur 
sind, wie die Munderotik, die Analerotik usw. Diese »prägenitalcn«. 
Infantilen Formen der Sexualbetätigung unterordnen sich später dem 
genitalen Primat, der Herrschaft des eigentlichen Geschlechtsapparates. 

Jede Entwicklungsphase der Libido, über deren dialektischen 
Charakter wir später sprechen werden, ist gekennzeichnet durch die 
Daseinsbedingungen des Kindes, wie etwa die orale Stufe sich an die 
Nahrungsaufnahme, die anale an den Entleerungsfunktionen und der 
Erziehung zur Reinlichkeit herausbildet. Die jn der bürgerliclien 
Moral befangene Wissenschaft hatte bis Freud diese Tatsachen glatt 
übersehen und die populäre Auffassung von der »Reinheit« des Kindes 
bestätigt. Die gesellschaftliche Sexualunterdrückung war ein Hindernis 
der Forschung geworden. 

Unter den Trieben unterschied Freud zwei psychologisch nicht 
weiter zerlegbare Hauplgruppen, den Selbsterhaltungstrieb und den 
Sexualtrieb, in Anlehnung an die populäre Unterscheidung von Hunger 
und Liebe. Alle anderen Triebe, den Willen zur Macht, den Ehrgeiz, 
die Profitgier usw. fasst Freud nur als sekundäre Bildungen, als 
Abkömmlinge dieser beiden Grundbedürfnisse auf. Für die Sozial- 
psychologie dürfte der Freud sehe Satz, dass der Sexualtrieb in 
Anlehnung an den Nahrungslrieb zuerst in Erscheinung tritt, grosse 
Bedeutung gewinnen, wenn es gelänge, eine Beziehung zur ähnlich 
lautenden These von Marx zu finden, dass im gesellschaftlichen 



32) (1934) Vgl. die Korrektur dieser Auffassung in Fussnote 15. 



13 



Sein das Nahrungsbedürfnis die Grundlage auch für die geschlecht- 
lichen Funktionen der Gesellschaft sei-^). 

Später hat Freud dein Sexualtrieb den Destruktionstrieb gegen- 
übergestellt und dabei den Nahrungstrieb dem Eros als Funktion des In- 
teresses der Selbstliebe (Selbsterhaltung-Narzissmus) eingeordnet-^). 
Die Beziehung der neueren Triebeinteilung zur älteren ist noch nicht 
klar herausgearbeitet. Die neueren Begriffe der Trieblehre: Eros- 
Todestrieb (Sexualtrieb-Destruktionstrieb) sind in Anlehnung an die 
beiden Grundfunktionen der organischen Substanz, Assimilation (Auf- 
bau) und Dissimilation (Abbau), gebildet worden; der Eros umfassl 
alle jene Strebungen des seelischen Organismus, die aufbauen, 
zusammenfassen, vorwärtsdrängen, der Destruktionstrieb hingegen 
diejenigen, die abbauen, zerstören, zum ursprünglichen Zustand zu- 
rücktreiben. Die seelische Entwicklung würde sich somit aus einem 
Kampfe zwischen diesen zwei entgegengesetzten Tendenzen ergeben, 
was einer durchaus dialektischen Auffassung der Entwicklung 
entsprich t-f'). Die Schwierigkeit ist aber eine andere. Während die 
körperliche Grundlage des Sexual- und des Nahrungsbedürfnisses 
eindeutig ist, ermangelt der Begriff des Todestriebes einer so klaren 
materiellen Fundierung, denn die Berufung auf den organischen 
Prozess der Dissimilation betrifft vorläufig mehr eine formale Analogie 
als eine inhaltliche Verwandtschaft. Nur insofern eine reale Be- 
ziehung des »Todestriebes« zum selbstzerstörenden Prozess im Or- 
ganismus zutrifft, ist sie materialistisch. Aber man kann nicht leugnen, 
dass sein unklarer Gehalt und die Unmöglichkeit, ihn als solchen 
ebenso zu fassen wie etwa die Libido, ihn leicht zum Schlupfwinkel 
idealistischer und metaphysischer Spekulationen über das Seelenleben 
macht. Er hat in der Psychoanalyse bereits viele Missverständnisse 
aufkommen lassen, zu finalistischen Theoriebildungen und Ueber- 
trcibungen der moralischen Funktionen geführt, was wir als idealisti- 
sche Abweichung in der Psychoanalyse betrachten. Nach Freuds 
eigenem Ausspruch ist der »Todestrieb« eine jenseits der Klinik 
liegende Hypothese, es kann aber nicht Zufall sein, dass mit ihm so' 



23) (1934) In der Frage nach der Beziehung des Nahrungsbedürfnisses zum Sexual- 
bcdUrfnis konnte die sexualökoDomische Überlegung einige Schritte weiter- 
führen: Das Nahrungsbedürfnis entspricht einem Absinken der Spannung 
bezw. der Energie im Organismus, das Sexualhedürfnis im Gegensalz dazu 
einem Plus an Spannung bezw. Energie; jenes ist daher nur durch Energie- 
zufuhr, dieses nur durch Energie a b f u h r oder -Verausgabung zu 
befriedigen. Daraus erklärt sich, dass der Hunger beim Aufbau der psy- 
chischen Apparatur nicht oder nur mittelbar beteiligt ist, wahrend die Sexual- 
energie die eigentliche autbauende, positive, produktive Kraft des Seelischen 

. ist. Eine Detaillierung dieses Fragengebietes ist in Vorbereitung. Es leuchtet 
ein, dass dieser Tatbestand für die Frage nach der energetischen Natur der 
Struktur- und Ideologiebildung von entscheidender Bedeutung ist. 

24) »Jenseits des Lustprinzips« und »Das Ich und das Esa. Gesammelte Schriften. 
Psychoanalytischer Verlag. 

26) (1934) Diese Auffassung musste korrigiert werden. Vgl. die letzten zwei Ka- 
nitel in »Charaktcranalyse«, Verl. f. Sex-Pol, 1933. 



14 



gern operiert wird und dass er unnützen Spekulationen in der Psycho- 
analyse Tür und Tor geöffnet hat. Als Reaktion auf die idealistische 
Richtung, die sich mit der neueren Triebhypothese in der Psycho- 
analyse entwickelt hat, liegt ein Versuch von mir vor-«), auch den 
Destruktionstrieh als von der Libido abhängig zu erfassen, ihn also 
der materialistischen Libidotheoric einzuordnen. Dieser Versuch grün- 
det sich auf die klinische Beobachtung, dass die Hassbercitschaft eines 
Menschen und seine Schuldgefühle zumindest in ihrer Intensität vom 
Zustand der Libidoökonomie abhängen, dass sexuelle Unbefriedigtheit 
die Aggression steigert, Befriedigung sie herabsetzt. Nach dieser Auf- 
fassung ist der Destruktionstrieh psychologisch eine Reaktion auf die 
Versagung einer Triebbefriedigung und seine körperliche Grundlage 
die Verschiebung libidinöser Erregung auf das Muskelsystem. 

Man kann aber nicht zweifeln, dass der Aggressionstrieb auch ein 
Instrument des Nahrungstriebes ist und dass er sich besonders steigert, 
wenn das Nahrungshedürfnis nicht genügend befriedigt ist. Der 
Destruktionstrieb ist nach meiner Auffassung eine späte, sekundäre 
Bildung des Organismus, die bestimmt wird durch die Verhältnisse, 
unter denen Nahrungstrieb und Sexualität befriedigt werden. 

Der Regulator des Trieblebeus ist das »Lust-Unlust-Prinzip«. Alles 
Triebhafte strebt nach Lust und will Unlust vermeiden. Die unlust- 
volle Bedürfnisspannung kann nur durch Befriedigung des Be- 
dürfnisses behoben werden. Das Zie! des Triebes ist also Aufhebung 
der Triebspannung durch Beseitigung des Reizes an der TrlebqucUe. 
Diese Befriedigung ist lustvoll. Eine körperliche Erregung etwa an 
der Genitalzone bedingt einen Reiz, der ein Bedürfnis (einen Trieb) 
erzeugt, diese Spannung zu beseitigen. Eine organische Spannung in 
den Ernährungs Organen erzeugt den Hunger und treibt zum Essen-'). 
Diese kausale Betrachtung schliesst die finale ein, denn das Ziel, dem 
der Trieb zustrebt, ist durch die Quelle der Reizung bestimmt. Hier 
steht die Psychoanalyse als materialistisch-kausale Lehre ganz im 
Gegensatz zur nur final orientierten Individualpsychologie Alfred 
Adlers. 

Da alles, was Lust bringt, anzieht, was Unlust bringt, abstösst, 
bedingt das Lustprinzip Bewegung, Veränderung der Situation. Die 
Quelle dieser Funktion ist der organische Triebapparat, insbesondere 
der Sexualchcmismus. Wie eine Feder spannt sich der Triebapparat 
nach jeder Befriedigung des Bedürfnisses nach einer Ruhepause immer 
aufs neue. Als Grundlage dieser Spannung kommen Stoffwechsel- 
vorgänge in Betracht^**). 

Die Arbeitsweise der beiden Grundbedürfnisse des Menschen erhält 



26) Reich, »Die Funktion des Orgasmus«, Kap. über »Die Abhängigkeit des Dc- 
struktionstriebes von der Libidostauuag«. Psychoanalj-lischer Verlag, 1927; 
ferner die Widerlegung der Todestricfalehre in »Der masochistische Charakter« 
(»Charaltter.inalysea). 

27) (1934) Vgl. Fussnote 23. 

28) (1934) Vgl. Fussnote 21. 

15' 



aber durch das gesellschaftliche Dasein des Individuums erst ihre 
eigentliche Form, indem diese die Triebbefriedigungen einschränkt. 
Alle Einschränkungen und gesellschaftlichen Nötigungen, die Be- 
dürfnisse herabzusetzen oder aber deren Befriedigungen aufzuschieben, 
fasste Freud in der Formulierung des »Realitätsprinzips« zusammen. 
Dieses tritt also zum Teil in Gegensatz zum Lustprinzip, sofern es 
gewisse Befriedigungen völlig untersagt, zum Teil bildet es eine 
Modifikation des letzten, sofern es das Individuum zu Ersatzbe- 
friedigungen oder zum Aufschub einer Befriedigung zwingt. Der 
Säugling darf etwa nur zu bestimmten Stunden seine Nahrung ein- 
nehmen, das Mädchen der Reifejahre darf in der heutigen Gesellschaft, 
seine natürlichen Sexualhedürfnisse nicht sofort befriedigen. Die 
ökonomischen (der Bürgerliche würde sagen: die kulturellen) In- 
teressen zwingen es, seine Keuschheit bis zur Ehe zu bewahren, wenn, 
es nicht die Ächtung riskieren oder die Findung eines Gatten er- 
schweren will. Die Unterhindung der direkten analer o tischen Be- 
friedigung, wie sie das Kind übt, ist ebenso eine Wirkung des Reali- 
tätsprinzips. 

Die Definition, das Realitätsprinzip sei eine Forderung der Gesell- 
schaft, bleibt aber formalistisch, wenn sie nicht konkret mit einbezieht, 
dass das Realitätsprinzip, wie wir es heute vor uns haben, das Prinzip 
der kapitalistischen bzw. privatwirtschaftlichen Gesellschaft ist. Hin- 
sichtlich der Auffassung des Realitätsprinzips gibt es in der Psycho- 
analyse reichlich idealistische Abweichungen. So wird das Realitäts- 
prinzip oft als absolute Gegebenheit hingestellt. Unter Realitätsan- 
passung versteht man einfach Anpassung an die Gesellschaft, was, 
in der Pädagogik oder Neurosentherapie , angewendet, zweifellos eine 
konservative Formulierung ist. Konkret: Das Realitätsprinzip des 
kapitalistischen Zeitalters fordert vom Proletarier äusserste Ein- 
schränkung seiner Bedürfnisse, nicht ohne sich dabei auf religiöse 
Forderungen nach Demut und Bescheidenheit zu berufen. Es fordert 
auch die monogame Sexualform und anderes mehr. All das ist in den 
ökonomischen Verhältnissen begründet, die herrschende Klasse hat 
ein Realitätsprinzip, das der Aufrechterhaltung ihrer Macht dient. 
Erzieht man den Proletarier zu diesem Realitätsprinzip, stellt man es 
ihm als absolut gültig etwa im Namen der Kultur hin, so bedeutet das 
Bejahung seiner Ausbeutung, Bejahung der kapitalistischen Gesell- 
schaft. Es muss klar werden, dass der Begriff des ReaUtätsprinzips, 
so wie er heute in der Psychoanalyse tatsächlich von Vielen erfasst 
wird, einer (wenn auch unbewussten) konservativen Einstellung ent- 
spricht und daher im Gegensatz zum objektiv revolutionären Cha- 
rakter der Psychoanalyse steht. Das Realitätsprinzip hatte früher 
andere Inhalte und wird sich in dem Masse wandeln, wie sich die 
Gesellschaftsordnung ändern wird. 

Auch die konkreten Inhalte des Lustprinzips sind natürlich nicht, 
absolut, sie wechseln ebenfalls mit dem gesellschaftlichen Sein.. 

-16 



Etwa die anale Befriedigung muss in einem Zeilalter, in dem der 
Reinlichkeit so grosse Aufmerksamkeit gewidmet wird, eine andere, 
nämlich geringere, das Streben danach muss ein grösseres sein, als 
etwa in einer primitiven Gesellschaft, was sich auch qualitativ in 
der Erzeugung bestimmter Charakterzüge äussert. Man denke nur 
an den sich auf der Analerotik aufbauenden Ästhetizismus und 
an den Unterschied seiner Bedeutung im bürgerlichen Zeitalter und 
etwa in der primitiven Gesellschaft oder im Mittelalter. Welche 
Inhalte des Luststrebens stärker, welche schwächer betont sind, 
hängt natürlich auch von der Klasse ab. der das Kind angehört. So 
scheinen z. B. die analen Strebungen im Bürgertum weit stärker 
ausgeprägt zu sein als im Proletariat, während umgekehrt die geni- 
talen Antriebe im Proletariat intensiver sind. Das hängt aber auch 
mit der Erziehung und den Wohnverhältnissen zusammen. 

In der biologischen Anlage dürfte ja der Unterschied nicht sehr 
gross oder nicht ausschlaggebend sein. Aber das soziale Milieu be- 
ginnt den Gehalt des Lustprinzips schon mit der Geburt zu formen. 
Und ob Unterschiede in den Ernährungsverhältnissen auf die Trieh- 
konstitution nicht schon in der Keinianlage einwirken und die In- 
tensität und Qualität der Strebungen beeinflussen, ist eine Frage 
künftiger Forschung^"). 



b) Die Lehre vom Unbewussten und von der Ver- 
drängung. 

Freud unterschied im seelischen Apparat drei Systeme: 1. Das 
Bewusste, welches die Wahrnehmungsfunktion des Sinnesappa- 
rates und alle Vorstellungen und Gefühle umfasst, die gerade bewusst 
sind. 2. Das Vorbewusste. Es umfasst alle jene Vorstellungen 
und Einstellungen, die momentan nicht im Bcwusstsein sind, aber 
jederzeit bewusst werden können. Diese beiden Systeme waren der 
voranalytischen Psychologie gut bekannt. Was nichtpsychoanalytische 
Forscher als »unbewusst« {»nebenbewusst«, »unlerbcwusst« usw.) 
bezeichnen, gehört noch völlig zum Freud sehen System des Vor- 
bewussten. Die eigentliche Entdeckung Freuds betraf 3. d a s 



2») (1934) Diese Andeutungen bedürfen einer sehr grüniljichen Ausführung. Die 
Art und Weise, in der sich ein geseUsthaftliches Syslem strukturell in den 
Menschen reproduziert, ist konkret, Ihcoretisih uii<i praktisch nur fasshar. 
wenn man durchschaut, in welcher Weise die gesellsehuftlJchcn Institutionen, 
Ideologien, Lebensformen etc. die Trichapparatnr formen. Die von der Trieb- 
struktur abhängige Dcnksfruktur der Massenindividucn bestimmt nBmlich 
wieder die Reproduktion der gesellschaftlichen Ideologie, ihre psychische 
Verankerung, kurz die Rückwirkung der Ideologie auf die sozinlökonomischc 
Struktur der Gesellschaft, die Macht der »Tradition« u, s. f. Dieses Gebiet ist 
an konkreten geschichtlichen Prozessen erörtert in »Der Einbruch der Scxual- 
moral« (Verl. f. Sex-Pol 1934, 11. Aufl.) und in »Massenpsychologic des Fa- 
schismus« (II. Aufl. 1934). 

17 



r 



Unbewusste, welches dadurch charakterisiert ist, dass seine In- 
halte nicht bewiisst -weilden können^") weil eine »"vorbe- 
wusste« Zensur ihnen das Bewusstwerden verbietet. Diese Zensur ist 
nichts Mystisches, sondern sie umfasst aus der Aussenwelt über- 
nommene Verbote und Gebote, die selbst unbewusst geworden sind. 

Das Unbewusste umfasst nicht nur die verpönten Wünsche und 
Vorstellungen, die nicht bewusst werden können, sondern auch (wahr- 
scheinlich) ererbte Repräsentanzen, denen die Symbole entsprechen. 
Dass aber auch das Unbewusste sich mit der Zeit wandelt, zeigt die 
interessante klinische Erfahrung, dass es mit der Entwicklung der 
Technik neue Symbole erwirbt; so träumten viele Patienten zur Zeit 
des Zeppelinrummels von Luftschiffen als Darstellungen des männ- 
lichen Geschlechtsorgans. 

Da im Laufe der Forschung klar wurde, dass das Unbewusste 
ausser dem eigentlichen Verdrängten noch viel mehr enthält, ent- 
schloss sich Freud zu einer Ergänzung der Theorie von der Struktur 
des seelischen Apparats. Er unterschied dann das Es, das Ich und 
das üb er- Ich. 

Das Es ist wieder nichts übersinnliches, sondern es ist ein Aus- 
druck für den biologischen Anteil, an der Persönlichkeit. Ein Teil 
davon ist das Unbewusste im früher beschriebenen Sinne, das eigent- 
lich Verdrängte. 

Was ist nun die V er drängung? Sie ist ein Prozess, der sich 
zwischen dem Ich und den Strebungen des Es abspielt. Jedes Kind 
bringt Triebe auf die Welt und erwirbt in seiner Kindheit Wünsche, 
die es nicht ausleben darf, weil die weitere und die engere Gesell- 
schaft, die Familie, es nicht dulden. (Inzestwunsch, Analität, Exhi- 
bitionismus, Sadismus usw.) Das gesellschaftliche Sein fordert nun 
in Gestalt der Erzieher, dass das Kind diese Triebe unterdrücke. Das 
gelingt dem Kind, das nur über ein schwaches Ich verfügt und vor- 
wiegend dem Lustprinzip folgt, oft nur dadurch, dass es die Wünsche 
aus seinem Bewusstsein verbannt, selbst davon nichts wissen will. 
Die betreffenden Wünsche werden durch die Verdrängung unbe- 
wusst. Eine andere sozial wichtigere Art der Erledigung unerfüllbarer 
Wünsche ist die Sublimierung, die ein Gegenstück zur Ver- 



30) Wie Sühr Jurinctz die Psychoanalyse missverstandcn hat, geht aus folgen- 
dem Satze in seiner Arbeit »Psychoanalyse und Marxismus« (»Unter dem 
Uanner des Marxismus«, Heft 1, S. 98) hervor: 

»Wie kann man auf den Inhalt des Unbewussten hinweisen, wenn man 
nicht imstande ist, ihn zu analysieren, da er nie ül>er die Schwelle des Be- 
wusstseins gelangt?« 

Eine erstaunlich naive Frage! Freud hat doch das Unbewusste gerade durch 
seine Methode der freien Einfälle, durch Ausschaltung der Zensur entdeckt. Die 
ganze analytische Therapie besteht ja darin, dass man das vorher Unbewusste 
doch bewusst macht. Es kann nur unter den gewöhnlichen Umständen 
nicht bewusst werden. 

18 



drängung ist; das heisst, statt zu verdrängen, wird der Trieb bloss auf 
eine sozial mögliche Betätigung abgelenkt"). 

Wir sehen also, dass die Psychoanalyse das Kind ohne die Gesell- 
schaft gar nicht denken kann, es existiert für sie nur als vergesell- 
schaftetes Wesen. Das gesellschaftliche Sein wirkt unaufhörlich 
einschränkend, umbildend und fördernd auf die primitiven Triebe ein. 
Dabei verhalten sich die beiden Grundtriebe verschieden. Der 
Hunger ist starrer, unerbittlicher, drängt heftiger nach sofortiger 
Befriedigung als der Sexualtrieb; auf keinen Fall kann er verdrängt 
werden wie dieser. Der Sexualtrieb ist modifizierbar, plastisch, subli- 
mierbar, seine Partialtendenzen sind in ihr Gegenteil verkehrbar, ohne 
jedoch auf Befriedigung völlig verzichten zu können. Die Energie, 
die zu den sozialen Leistungen verwendet wird, auch zu denen, die 
den Nahrungstrieb befriedigen, entstammen der Libido. Sie ist die 
Triebkraft der seelischen Entwicklung, sobald sie unter dem Einfluss 
der Gesellschaft gerät. 

Der Motor der Verdrängung ist der Selbsterhaltungstrieb des Ichs. 
Dieser meistert den Sexualtrieb, aus dem Konflikt zwischen beiden 
ergibt sich die seelische Entwicklung. Die Verdrängung ist, wenn 
man von ihr als Mechanismus und von ihren Wirkungen absieht, ein 
gesellschaftliches Problem, weil die Inhalte und Formen der Ver- 
drängung vom gesellschaftlichen Sein des Individuums abhängen. 
Dieses gesellschaftlichen Sein ist ideologisch konzentriert in einer 
Summe von Vorschriften, Geboten und Verboten, im Über-Ich. 
Grosse Teile davon sind selbst unbewusst. 

Die Psychoanalyse führt alle Moral im Menschen auf die Ein- 
flüsse der Erziehung zurück, weist also die Annahme eines metaphy- 
sischen Charakters der Moral etwa im Sinne des Kant sehen Moral- 
begriffes zurück. Sie löst den Moralbegriff materialistisch auf, in- 
dem sie ihn auf Erlebnisse und auf den Selbsterhaltungstrieb sowie 
auf Angst vor Strafe zurückführt. Alle Moral entsteht im Kinde ent- 
weder aus Angst vor Strafe oder aus Liebe zu den Erziehungsper- 
sonen. Wenn Freud zuletzt von »einer unbewussten Moral« und 
von einem »unbewussten Schuldgefühl« spricht, so meint er damit 
nur, dass mit den verbotenen Wünschen auch gewisse Elemente des 
Schuldgefühls verdrängt werden, wie etwa das Inzestverbot. 
Jurinetz hat den Begriff des unbewussten Schuldgefühls völlig 
missverstanden, wenn er meint, dass sich hier die Annahme eines 



31) Niemals hat Freud, wie Juri netz behauptet, die Theorie der Verdrän- 
gung durch die der »Verurteilung« ersetzt. Er hat missverstanden, was Freud 
mit dem Satze meinte, dass ein Trieb, wenn er durch .Analyse bewusst geworden 
ist, vom Ich verurteilt werden kann. Die Verurteilung ist ein Gegensatz zur Ver- 
drängung. »Dass die FreudistcD ihre Theorie des Unbewussten immer mehr ver- 
nichteten«, wie Jurinetz schreibt (ebenda, S. 110), stimmt nicht. Diese An- 
sicht Jurinetz' stammt aus der Verwirrung, die die neuere Theorie vom Es, Ich 
und Über-Ich in ihm gestiftet hat. Sie ist nicht Negation der Lehre vom Unbe- 
wussten, sondern schliesst sie ein. 

19 



ursprünglich moralischen Wesens des Ichs im Sinne einer metaphy- 
sischen Schuld eingenistet hat. Einzelne Analytiker mögen aus 
welchen Bedürfnissen immer trotz der Psychoanalyse, die sie aus- 
üben, an das ursprünglich Moralische und Göttlichen im Menschen 
glauben. Das ist nicht in der analytischen Theorie gegeben, gerade 
^as Gegenteil ist wahr: Die Psychoanalyse vernichtet endgültig, 
naturwissenschaftlich, indem sie die Diskussion der Moral der Phi- 
losophie entzieht, einen solchen Glauben. Man überlasse es dem ein- 
zelnen Analytiker, mit dem Konflikt fertig zu werden, wie er den 
Glauben an eine metaphysische Moral und Gott mit seiner psycho- 
analytischen Überzeugung vereinigen kann. Man hat allen Gründe 
um die Psychoanalyse besorgt zu sein, wenn sie sich mit metaphy- 
sischer Anschauung zu vertragen beginnt^^). Die Theorie des unbe- 
wussten Schuldgefühls wirft also keineswegs die Theorie des Unbe- 
wussten über den Haufen, wie Jurinetz befürchtet, sondern sie 
führt im Gegenteil auch die Erwerbung der Moral auf Materielles 

zurück. 

Wir haben bisher gezeigt, dass sowohl das Es wie das über-Ich, 
weit davon entfernt, metaphysische Konstruktionen zu sein, sich 
inhaltlich restlos auf Bedürfnisse beziehungsweise reale Erwerbun- 
gen aus der Aussenwell zurückführen lassen. Wo Jurinetz den 
Vorwurf hernimmt, dass »wie bei Schopenhauer, so ... auch 
bei Freud die Welt die Produktion des eigenen ,Ich' mit dem Ziele 
der Regulierung unserer Triebe ist«^^), ist mir völlig unverständlich. 
Gerade das Gegenteil ist an zahllosen Stellen, die übrigens auch von 
Jurinetz zitiert werden, von Freud dargelegt, dass nämlich das 
Ich ein Resultat der Einwirkung der realen Aussenwelt auf den 
Trieborganismus ist, als Reizschutz entsteht. Selbst in der von Ju- 
rinetz heuptsächlich zur Grundlage seiner Kritik genommenen, be- 
wusst spekulativen Schrift Freuds »Jenseits des Lustprinzips«, 
ist von einer Schöpfung der realen Welt durch das Ich keine Rede. 
Jurinetz ist am Begriff der Projektion gescheitert, der dort nicht 
näher erörtert wird; in den klinischen Arbeiten Freuds hätte er 
sich darüber Klarheit holen können. Das Ich glaubt, dass Vor- 
stellungen, die es verdrängt in sich hat und deren Druck es spürt, in 



32) (1934) Die Besorgnis, die hier zum Ausdruck kam, erwies sich mittlerweile als 
durchaus begründet. Heute ist die gesamte psychoanalytische Bewegung nicht 
zuletzt unter dem Einflüsse der seither angewachsenen politischen Reaktion 
in eiDC schwere Krise geraten; sie lässt sich kennzeichnen als Ausdruck des 
Widerspruches zwischen den revolutionären Anschauungen der psychoanaly- 
tischen Sexualtheorie und der bürgerlich -religiös-ethischen Weltanschauung 
vieler führender Analytiker. Die theoretischen Kampfgebiete zwischen der 
naturwissenschaftlich-marxistischen und der bürgerlich- weit an schaulichen 
Hichtung der Psychoanalyse sind im wesentlichen die Fragen nach der Herkunft 
der Sexualverd rangung, nach der Rolle des genitalen Geschlechtslebens für 
die seelische Gesundheit, nach der Existenz eines biologisch gegebenen selbst- 
zcrstörendcn Triebes sowie technisch-therapeutische Probleme. 

33) Ebenda, S. 103. 

20 



der Aussenwelt sind. Das und nichts anderes ist die Projektion. Ge- 
rade durch diese materialistische Theorie konnte Freud das Wesen 
der Halluzinationen der Geisteskranken aufklären. Die Stimmen, 
die sie hören, sind tatsächlich nur unbewusste Gewissensbisse oder 
Wünsche, aber sie sind doch nicht real in der Aussenwelt. 
' Gewiss, »Jenseits des Lustprinzips« war geeignet, unrichtige Auf- 
fassungen in der Psychoanalyse aufkommen zu lassen. Freud 
hat aber selbst seine kritische Einstellung zu dieser Arbeit sowohl in 
der Broschüre als auch wiederholt mündlich geäussert, sie als ausser- 
halb der klinischen Psychoanalyse stehend bezeichnet. Dass sie aber 
trotzdem Ausgangspunkt für völlig haltlose Spekulationen mit der 
Todestriebhypothese werden konnte, liegt wahrscheinlich an der 
für die bürgerliche Ideologie heiklen Libido theorie, die man gern für 
eine weniger gefährliche Hypothese eintauscht. 

Die materielle Natur des Ichs ist schon deshalb unbestreitbar, 
weil es an das Wahrnehmungssystem der Sinnesorgane angeschlos- 
sen ist. Femer leitet sich das Ich nach Freud, wie schon erwähnt, 
aus der Einwirkung materieller Reize auf den Triebapparat ab. Es 
ist nach Freud nur ein besonders differenzierter Teil des Es, ein 
Puffer oder Schutzorgan zwischen Es und realer Welt. In seinen 
Handlungen ist das Ich nicht frei, sondern von Es und t)ber-Ich, 
also von Biologischem und Gesellschaftlichem abhängig. Die Psy- 
choanalyse bestreitet also die Freiheit des Willens, und ihre Auf- 
fassung davon deckt sich vollständig mit der von Engels: »Frei- 
heit des Willens heisst nichts anderes, als die Fähigkeit, mit Sach- 
kenntnis entscheiden zu können.« Die Übereinstimmung ist so voll- 
ständig, dass sie sogar in der Grundauffassung der analytischen 
Therapie der Neurosen zum Ausdruck kommt; Der Kranke soll da- 
durch, dass er Kenntnis von seinem Verdrängten erhält, dass das Un- 
bewusste bewusst wird, die Fähigkeit, sich zu entscheiden, erhalten, 
»mit mehr Sachkenntnis«, als ihm unter der Bedingung der Unbe- 
wusstheit seiner wesentlichsten Strebungen möglich war. Natürlich 
ist das noch keine Freiheit des Willens im Sinne der Metaphysiker, 
sie ist jedenfalls begrenzt durch die Ansprüche der natürlichen Be- 
dürfnisse. Wenn etwa die Sexualwünsche bewusst geworden sind, 
kann er sich nicht entscheiden, sie wieder zu verdrängen, es ist ihm 
auch unmöglich, sich für dauernde Askese zu entscheiden. Wohl 
aber kann er sich vornehmen, eine Zeit lang asketisch zu leben. Das 
Ich bleibt nach der gelungenen Analyse nicht minder abhängig von 
Es und Gesellschaft, es weiss die Konflikte nur besser zu erledigen. 

Aus den Bedingungen ihrer Entstehung ergibt sich, dass das Ich 
^ur Hälfte, das über-Ich zur Gänze, was ihren konkreten Inhalt be- 
trifft, F'-agen des gesellschaftUchen Lebens einschliessen. Die reli^- 
ösen und ethischen Forderungen wechseln mit der Gesellschaftsord- 
nung. Das Über-Ich der Frau ist im platonischen Zeitalter grund- 
Terschieden von dem in der kapitalistischen Gesellschaft, und ia 

21 



ti&ise:- _ 



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dem Masse, wie sich in der bestehenden Gesellschaft die neue ideolo- 
gisch vorbereitet, ändern sich natürlich die Inhalte des über-Ichs. 
Das betrifft etwa ebenso die Sexualmoral wie die Ideologie von 
der Unantastbarkeit des Eigenturas an den Produktionsmitteln, es 
wechselt natürlich auch mit der Stellung des Individuums im Pro- 
du ktionsprozess . 

Aber auf welche Weise wirkt die gesellschaftliche Ideologie auf 
das Individuum ein? Die Marxsche Gesell Schafts lehre musstc diese 
Frage als ausserhalb ihres Bereiches liegend offenlassen, die Psycho- 
analyse hingegen kann sie beantworten: Für das Kind ist die Fa- 
milie, die vollgesogen ist mit den Ideologien der Gesellschaft, ja, die 
geradezu die ideolo^sche Keimzelle der Gesellschaft ist, der vor- 
läufige Repräsentant der Gesellschaft überhaupt, noch bevor es im 
eigentlichen Produktionsprozess steht. Im ödipusverhältnis sind nicht 
nur die triebhaften Einstellungen inbegriffen, sondern die Art und 
Weise, in der das Kind den Ödipuskomplex durchmacht und über- 
windet, ist mittelbar bedingt sowohl durch die allgemeine gesellschaft- 
liche Ideologie, als auch durch die Stellung der Eltern im Produk- 
tionsprozess; mithin sind die Schicksale des Ödipuskomplexes letzten 
Endes wie alles andere abhängig von der ökonomischen Struktur der 
Gesellschaft. Ja mehr, sogar dass ein Ödipuskomplex überhaupt zu- 
stande kommt, ist der besonderen, durch die Gesellschaft bedingten 
Struktur der FamiUe zuzuschreiben. Doch die Frage nach der histo- 
rischen Natur nicht bloss der Formen, sondern auch der Existenz des 
Ödipuskomplexes können wir erst im nächsten Kapitel behandeln. 



III. Die Dialektik im Seelischen 

Wir gehen nun zur Frage über, ob die materialistischen Er- 
kenntnisse der Analyse auch die Dialektik der seelischen Prozesse 
aufgedeckt haben. Doch zunächst wollen wir die hauptsächlichen 
Grundsätze der dialektischen Methode, wie sie von Marx und 
Engels aufgestellt und von ihren Schülern fortgeführt wurde, in 
Erinnerung rufen. 

Die materialistische Dialektik von Marx trat als Gegensatz zur 
idealistischen Dialektik Hegels, des eigentlichen Begründers der 
dialektischen Methode, auf. Während Hegel die Dialektik der Be- 
griffe als das ursprünglich Bewegende der geschichtlichen Entwick- 
lung ansah, und die reale Welt bloss als Spiegelbild der sich dialek- 
tisch fortentwickelnden Ideen oder Begriffe autfasste, kehrte Marx 
die Betrachtung der Welt materialistisch um, das heisst er stellte das 
Gebäude Hegels nach seinem eigenen Ausdruck »auf die Beine«, 
indem er das materielle Geschehen als das Ursprüngliche und die 
Ideen als das von jenem Abhängige erkannte. Während er aber die 
dialektische Betrachtung des Geschehens von Hegel übernahm, 
räumte er gleichzeitig mit dem metaphysischen Idealismus Hegels 

22 



/ 



und mit dem mechanistischen Materialismus der Materialisten des 
18. Jahrhunderts auf. Die Hauptsätze des dialektischen Materialis- 
mus sind: 

1. Die Dialektik ist nicht nur eine Form des Den- 
kens, sondern sie ist unabhängig vom Denken in der 
Materie gegeben, das heisst, die Bewegung der Materie 
erfolgtobjektivdialektisch. Der materialistische Dialektiker 
legt also nicht etwas in die Materie hinein, was nur in seinem Denken 
ist, sondern er erfasst mittels der Sinnesorgane und seines Denkens, 
das selbst den Gesetzen der Dialektik unterliegt, unmittelbar das ma- 
terielle Geschehen der objektiven Wirklichkeit. Es ist klar, dass diese 
Einstellung der idealistischen von Kant extrem entgegengesetzt ist ^''). 

2. Die Entwicklung nicht nur der Gesellschaft, sondern auch 
der natürlichen Phänomene erfolgt nicht, wie jede Art von Meta- 
physik, sei es nun die idealistische oder die materialistische, behauptet, 
aus einem »Entwicklungsprinzip« oder »einer den Dingen innewohnen- 
den Entwicklungstendenz«, sondern sie erfolgt aus einem in- 
neren Widerspruch: aus Gegensätzen, die in der Ma- 
terie vorhanden sind, und aus einem Konflikt die- 
ser Gegensätze, der in der gegebenen Daseinsweise 
nicht gelöst werden kann, so dass die Gegensätze die 
bestehende Daseinsweise der Materie sprengen und 
eine neueschaffen, in der sich dann neue Gegensätze ergeben usf. 

3. Alles, was dialektische Entwicklung hervor- 
bringf, Ssit o.liij'ek'tiV weder gut noch schlecht, son- 
dern notwendig. Was aber in einer Entwicklungs- 
periode zuerst fördernd war, kann später hemmend 
werden. So förderte die kapitalistische Produktionsweise zuerst 
ganz gewaltig die technischen Produktivkräfte, wurde aber später 
durch die ihr immanenten Widersprüche zu einer Hemmung dieser 
Entwicklung. Die Befreiung von dieser Hemmung bringt die sozia- 
listische Produktionsweise. 

4. Durch die beschriebene dialektische Entwicklung aus Gegensät- 
zen ist nichts dauernd, alles, was wird, trägt auch 
schon den Keim seines Unterganges in sich. Eine Klasse, 
die ihre Herrschaft befestigen will, kann die dialektische Betrachtung 
nicht akzeptieren, weil sie sich sonst selbst das Todesurteil spricht. 
Nach Marx brachte die kapitalistische Bourgeoisie in ihrem Aufstieg 
eine Klasse zur Entwicklung, das Proletariat, das aus seinen Daseins- 
bedingungen heraus den Niedergang der Bourgeoisie bedeutet. Daher 
kann auch nur die proletarische Klasse die Dialektik voll und prak- 
tisch anerkennen, während das Bürgertum notwendigerweise im abso- 
luten Idealismus stecken bleiben muss. 






3*) Vgl. hierzu Lenins »Materialismus und Empiriokritizismus«, Verlag für Li- 
teratur und Politik, 1927. 

23 



5. Jede Entwicklung ist Ausdruck und Folge einer 
doppelten Negation: Negation der Negation. Um das 
zu illustrieren, bringen wir wieder ein Beispiel aus der gesellschaftli- 
chen Entwicklung. Die Warenproduktion war Negation des Urkom- 
munismus, in dem nur Produktion von Gebrauchswerten herrschte. 
Die sozialistische Wirtschaftsordnung ist die Negation der ersten Ne- 
gation, sie verneint die Warenproduktion und gelangt so spiralig auf 
höherer Stufe zur Bejahung des zuerst Verneinten, der Produktion 
von Gebrauchswerten, zum Kommunismus^''). 

6. Gegensätze sind nicht absolut, sondern sie 
durchdringen einander. Quantität schlägt an einem bestimm- 
ten Punkte in Qualität um. Jede Ursache einer Wirkung ist gleich- 
zeilig Wirkung dieser Wirkung als Ursache. Das ist nicht einfach 
Wechselwirkung streng voneinander getrennter Phänomene, sondern 
ein gegenseitiges Durchdringen und Aufeinanderwirken. Ferner kann 
ein Element unter gegebenen Bedingungen in sein Gegenteil um- 
schlagen ^^) . 



M) <ld34) Das gleiche gilt, wie mittlerweile erschlossen werden konnte, auch für 
die Entwicklung der Sexualformen und der Sexualideologie. In der Urgesell- 
schaft, die nrltommunistisch wirtschaftet, ist das Geschlechtsleben bejaht und 
befürsorgt. Mit der Entwicklung zur Waren- und Privatwirtschaft schlägt zu- 
gleich die Sexualbejahung sowohl in der Gesellschaft wie in der menschlichen 
Struktur in Sexualverneinung um. Es ist nun nach dialektischem Entwick- 
lungsgesetz eine notwendige Annahme, dass die Sexualverneinung auf höherer 
Ebene wieder einmal in gesellschaftliche und strukturelle Sexualbejahung 
umschlagen wird. Wir befinden uns gegenwärtig nicht nur im Widerspruch 
zwischen der Tendenz zur Aufhebung der Warenwirtschaft und ihrer Erhal- 
tung, sondern auch in einem sich immer mehr zuspitzenden Konflikt zwischen 
der gesellschaftlichen Tendenz zur Verschärfung der Sexualunterdrückung und 
der ihr entgegengesetzten zur Wiederherstellung der natürlichen sexuellen 
Ökonomie an Stelle der moralischen Regulierung und Unterdrückung. In der- 
Sowjetunion traten beide vorwärtsdrängenden Tendenzen in den ersten Jahren 
klar hervor. Auf sexuellem Gebiete brachen sie wieder ah, es erfolgte ein 
Rückschritt, dessen Gründe und Wesen erst der Erforschung bedürfen. Vgl. 
»Der Einbruch der Sexualmoral«. Die Theorie der gesellschaftlichen Sexual- 
ökonomie darf als die subjektive Erkenntnis, als theoretische Eewusstwerdung 
über diesen gesellschaftlichen Widerspruch aufgcfasst werden. Er ist der heute 
führenden Richtung der proletarischen Bewegung nicht nur unbekannt ge- 
blieben, sondern seine Aufdeckung rief sogar dort in massgebenden Kreisen 
einen heftigen Widerstand hervor. Vgl. »Die Geschichte der Sex-Pol«, Z. f. 
p. P. u. S., ab Heft 3/4. 

36) (1934) Gerade an der faschistischen Massenbewegung konnte dieser Vorgang 
fast handgreiflich gefasst werden. Die antikapitalistische Rebellion der Masse 
des deutschen Volkes, die in schärfstem Widerspruch zur objektiven Funktion 
des Faschismus steht, verflocht sich mit dieser und schlug derart selbst für 
eine Zeitlang in ihr Gegenteil, in Festigung und Verlängerung der Herrschaft 
des deutschen Kapitals qm. 

An dieser Stelle sei nur ein Problem angedeutet, das anderwärts sehr- 
«ingehend behandelt werden soll. Das Wesen der marxistischen Politik be- 
steht im Voraussehen der möglichen Entwicklungstendenzen und in der För- 
derung aller jener Vorginge, die der sozialen Revolution entsprechen. Die 
Führung der Komintern, der das Schicksal der Weltrevolution anvertraut war, 
entartete in der Theorie ökonoraistisch und mechanistisch und hinkte dadurch 
dauernd nach. Sie konnte nichts voraussehen, übersah z. B. die revolutionären 
Tendenzen in der faschistischen Massenbewegung und konnte daher auch nichts. 

24 



7. Die dialektische Entwicklung erfolgt zwar 
allmählich, wird aber an bestimmten Stellen sprung- 
haft. Wasser wird bei fortschreitender Abkühlung nicht allmählich 
zu Eis, sondern die Qualität Wasser wandelt sich an einem bestimmten 
Punkte plötzlich in die Qualität Eis um. Das heisst aber nicht, dass 
die sprunghafte Veränderung plötzlich aus nichts hervorgeht, sondern 
sie hat sich allmählich dialektisch bis zur sprunghaften Veränderung 
entwickelt. So löst die Dialektik auch den Gegensatz Evolution: 
Revolution auf, ohne ihn aufzuheben. Die soziale Veränderung der 
Gesellschaftsordnung wird etwa zunächst durch Evolution vorbereitet 
(Vergesellschaftung der Arbeit, Pauperisierung der Mehrheit usw.) 
und dann revolutionär herbeigeführt. 

Versuchen wir es nun an einigen typischen Vorgängen im mensch- 
lichen Seelenleben, die die Analyse aufgezeigt hat, ihre Dialektik 
nachzuweisen, die unserer Behauptung nach ohne die psychoanalyti- 
sche Methode nicht hätte zutage treten können. 

Zunächst als Beispiel für die dialektische Entwicklung die Symp- 
tombildung in der Neurose, wie sie von Freud zuerst erfasst und 
beschrieben wurde. Nach Freud entsteht ein neurotisches Symp- 
tom dadurch, dass das gesellschaftlich gebundene Ich eine Trieb- 
regung zunächst abwehrt und dann verdrängt. Die Verdrängung 
einer Triebregung allein macht aber noch kein Symptom; dazu ist 
notwendig, dass der verdrängte Trieb die Verdrängung wieder durch- 
breche und in verstellter Form als Symptom erscheine. Das Symp- 
tom enthält nach Freud sowohl die abgewehrte Triebregung als 
auch die Abwehr selbst: das Symptom trägt also den beiden ent- 
gegengesetzten Tendenzen Rechnung. Worin liegt nun die Dialektik 
der Symptombildung? Das Ich des betreffenden Menschen steht unter 
dem Drucke eines »psychischen Konfliktes«. Die widerspruchsvolle 
Situation, auf der einen Seite der Triebanspruch, auf der anderen die H 

Realität, die die Befriedigung verweigert oder bestraft, verlangt nach I 

einer Lösung. Das Ich ist zu schwach, um der Realität zu trotzen, I 

aber auch zu schwach, um den Trieb zu beherrschen. Diese Schwäche 
des Ichs, welche selbst bereits eine Folge einer vorausgegangenen 
Entwicklung ist. für die die Symptom bildung nur eine Phase be- 
deutet, diese Schwäche ist also der Rahmen, innerhalb dessen sich 
der Konflikt abspielt; er wird nuQ auf die Weise erledigt, dass das 
Ich im Dienste der gesellschaftlichen Forderung, in Wirklichkeit, 

ausrichten. Im Faschismus waren und sind vorübergehend die revolutionären 
und reaktioDärec Tendenzen vereinigt worden. In der Massenabschlachtung der 
SA-Führer am 30. Juni 1934 klafften die Gegensätze wieder auseinander; ob 
endgültig, wird sich zeigen. Das alles hätte als Möglichkeit vorausgesehen wen- 
den können. Es gibt nun einen bestimmten Weg dazu, daraus zu lernen. 
Gelingt es, in jeder wesentlichen gesellscliaftUchcn Erscheinung ihre inneren 
Widersprüche rechtzeitig zu sehen, dann sind Vorausbercchnungcn der 
Entwicklungsmöglichkeiten zugänglich. Vgl. hierzu »Massenpsychologie des 
Faschismus« (Verl. f. Sex-Pol, II. Auü., 1934), wo ein Versuch der Analyse 
der ideologischen Widersprüche des Faschismus vorliegt. 

25 



um nicht unterzugehen oder bestraft zu werden, also aus Selbster- 
haltungstrieb, den Trieb verdrängt^"). Die Verdrängung ist also 
die Folge eines Widerspruches, der unter der Bedingung der Be- 
wusstheit nicht zu lösen ist. Das Unbewusstwerden des Triebes ist 
eine vorläufige, wenn auch pathologische Lösung des Konfliktes. 
Zweite Phase: Nach der Verdrängung des Wunsches, der vom 
Ich ebenso verneint, wie bejaht wurde, ist das Ich selbst verändert, 
sein Bewusstsein ist um einen Bestandteil (Trieb) ärmer und um 
einen andern (vorübergehende Ruhe) reicher. Der Trieb kann aber 
in der Verdrängung ebensowenig auf die Befriedigung verzichten, 
wie im Zustande des Bewusstseins, eher weniger, weil er jetzt nicht 
einmal der Kontrolle des Bewusstseins ausgesetzt ist. Die Ver- 
drängung setz-t ihren eigenen Untergang, da in- 
folge der Verdrängung die Triebenergie mäch- 
tig gestaut wird, um schliesslich die Verdrän- 
gung zu durchbrechen. Der neue Prozess des Durch- 
bruchs der Verdrängung ist Resultat des Widerspruches: 
Verdrängung— Triebstauung, wie die Verdrängung selbst Folge des 
Widerspruches: Triebwunsch — Versagung der Aussenwelt (unter der 
Bedingung: Schwäche des Ichs) war. Es besteht also nicht etwa eine 
»Tendenz« zur Symptom bildung. sondern die Entwicklung erfolgt, 
wie wir sehen konnten, aus den Widersprüchen des seelischen Kon- 
fliktes. Mit der Verdrängung war auch die Bedingung ihres Durch- 
bruches, die Aufstauung der Energie des unbefriedigten Triebes ge- 
geben. Ist mit dem Durchbruch der Verdrängung in der zweiten 
Phase der ursprüngliche Zustand wieder hergestellt? Ja und nein. 
Ja insofern, als der Trieb wieder das Ich beherrscht, nein insofern, 
als er eben verändert, in verstellter Form im Bewusstsein ist, 
als Symptom. Dieses enthält das Alte, den Trieb, aber gleich- 
zeitig auch seinen Gegensatz, die Abwehr des Ichs. In der dritten 
Phase (Symptom) sind also die ursprünglichen Gegensätze vereint 
in einer und derselben Erscheinung. Diese selbst ist Negation (Durch- 
bruch — ) der Negation (der Verdrängung). Machen wir vorläufig 
Halt, um das an einem konkreten Beispiel der psychoanalytischen 
Erfahrung zu demonstrieren. 

Nehmen wir den Fall einer verheirateten Frau, die Angst vor 
Einbrechern hat, die sie mit Messern überfallen könnten. Sie kann 
etwa nicht allein im Zimmer bleiben und vermutet in jedem Versteck 
einen grausamen Einbrecher. Die Analyse dieser Frau eines Arbeiters 
ergab folgendes: 



37) (1934) Die englische psychoanalytische Schule übersah die Tatsache, dass diese 
Ich-Schwäche künstlicher Ausdruck infolge der Triebhemmung ist. Bestünde 
kein Konflikt zwischen Ich und Sexualanspruch, könnte das Ich dem jeweili- 
gen Entwicklungsstadium entsprechende Befriedigung haben, es würde sich 
vor dem Trieb nicht fürchten. Die erzeugte Schwäche wird aber von diesen 
und vielen anderen Analytikern als biologisch begründet angeschen. Dem- 
zufolge soll die Sexualvcrdrängung eine biologische Notwendigkeit sein. 

26 



1. Phase: Psychischer Konflikt und Verdrän- 
gung: Die Frau hat einen Mann vor ihrer Heirat kennen gelernt, 
der sie mit Anträgen verfolgte, denen sie gern gefolgt wäre, wenn 
sie nicht moralisch gehemmt gevpesen wäre. Die Erledigung dieses 
Konfliktes konnte sie mit der Tröstung auf spätere Heirat verschie- 
hen. Der Mann wandte sich ab, sie heiratete einen anderen, ohne 
den ersten vergessen zu können. Der Gedanke an ihn störte sie un- 
ausgesetzt. Als sie ihm einmal wieder begegnete, geriet sie neuerdings 
in schweren Konflikt zwischen ihrem Verlangen nach ihm und ihrer 
Forderung nach ehelicher Treue. Unter diesen Bedingungen wurde 
der Konflikt unerträglich und unlösbar, das Verlangen nach ihm war 
ebenso stark wie ihre Moral. Sie begann ihn nun zu meiden (Abwehr) 
und schliesslich vergass sie ihn scheinbar. Das war aber kein wirk- 
liches Vergessen, sondern nur ein Verdrängen. Sie glaubte sich geheilt 
und dachte bewusst nicht mehr an ihn. 

2. Phase: Durchbruch de|r Verdrängung. Einige 
Zeit später hatte sie einen heftigen Streit mit ihrem Mann, weil er 
mit einer anderen Frau flirtete. Im Verlaufe des Streites hatte sie 
sich, wie sich viel später herausstellte, gedacht: »Wenn du darfst, so 
bin ich dumm, wenn ich es mir nicht auch erlaube« ; dabei halle sie 
momentan das Bild des ersten Geliebten vor sich. Der Gedanke war 
aber zu gefährlich, konnte er doch den ganzen alten Konflikt wieder 
heraufbeschwören, und so beschäftigte sie der Gedanke bewusst nicht 
weiter: Sie hatte ihn aufs neue verdrängt. Aber in der Nacht trat 
ein Angstzustand auf; sie hatte plötzlich die Idee, dass ein fremder 
Mann sich an ihr Bett heranschleiche, um sie zu vergewaltigen. Der 
Trieb war in verstellter Form, ja mehr: als sein direktes Gegenteil 
wieder ins Bewusstsein gedrungen; an Stelle des Wunsches nach dem 
fremden Mann hatte sie Angst vor ihm. Diese Verstellung war (3. 
Phase) Grundlage ihrer Symptombildung. Analysieren wir jetzt das 
Symptom selbst, so sehen wir in der Phantasievorstellung, dass ein 
fremder Mann sich in der Nacht an ihr Bett schleicht, die Erfüllung 
des verdrängten Wunsches, den Ehebruch zu begehen. (Die genaue 
Analyse ergab in den Details, dass sie, ohne es zu wissen, ihren erstcJi 
Geliebten phantasierte: Gestalt, Haarfarbe usw. waren die gleichen). 
In dem gleichen Symptom ist aber auch die Abwehr enthalten, die 
Angst vor dem Trieb, die als Angst vor dem Mann erscheint. Später 
schwand das Element »vergewaltigt werden« aus der Angst und wurde 
durch »ermordet werden« ersetzt, entsprach also einer weiteren Ver- 
stellung des bisher zu deutlichen Inhaltes des Symptoms. 

Wir sehen an diesem Beispiel nicht nur ursprünglich getrennte 
Gegensätze in einem Phänomen vereint, sondern auch die Verwand- 
lung eines Phänomens in sein Gegenteil, des Wunsches in Angst. 
Bei dieser Umwandlung der sexuellen Energie in Angst, einer der 
ersten und grundlegendsten Funde Freuds, liegt der Tatbestand 
vor, dass die gleiche Energie unter der einen Bedingung das gerade 

27 



/ 



Gegenteil von dem unter einer anderen Bedingung Erscheinenden 
erzeugt. 

Noch ein anderer dialektischer Erfahrungssatz kommt in unserem 
Beispiel zum Ausdruck. Im Neuen, im Symptom, ist das Alte, der 
Sexualwunsch, vorhanden, und dennoch ist das Alte nicht mehr es 
selbst, sondern gleichzeitig etwas völlig Neues, nämlich Angst. Der 
dialektische Gegensatz von Libido und Angst lässt sich aber noch 
anders auflösen, nämlich aus dem Gegensatz von Ich und Aussen- 
welt ■■'*'). Ehe wir aber dazu übergehen, wollen wir an einigen kleine- 
ren Beispielen weitere Dialektik im Seelischen zeigen. Zum Umschla- 
gen der Quantität in Qualität: Die Verdrängung einer Triebregung 
aus dem Bewusstsein oder auch die blosse Unterdrückung ist bis zu 
einem gewissen Grade für das Ich lustvoll, weil es einen Konflikt 
beseitigt; über einen bestimmten Grad hinaus aber schlägt die Lust 
in Unlust um. Geringes Reizen einer zur Endbefriedigung nicht fähigen 
erogenen Zone ist lustvoll; dauert die Reizung zu lange, so schlägt 
die Lust in Unlust um. 

Dialektische Vorgänge sind ferner die Spannung und Entspannung. 
Das lässt sich am Sexualtrieb am besten zeigen. Die Spannung einer 
sexuellen Erregung erhöht die Begierde, baut aber gleichzeitig die 
Spannung durch Befriedigung in der Reizung ab, ist also gleichzeitig 
Entspannung. Die Spannung bereitet aber auch die kommende Ent- 
spannung vor, wie etwa die mechanische Spannung der Uhrfeder ihre 
Entspannung vorbereitet. Umgekehrt ist die Entspannung mit höchster 
Spannung verbunden — etwa im Sexualakt, oder die entspannende 
Spannung bei einem aufregenden Drama — , sie ist aber auch die 
Grundlage für erneute Spannung. 



38) (1934) Der Widerspruch dieser, heule scxualökonomisch zu nennenden Auffas- 
sung des Triebdualismus zu der von Freud lässt sich nach dem Stande des 
Wissens wie folgt formulieren: Freud stellte einerseits den Gegensatz von 
Ich und Aussenwelt fest, dann, unabhängig von diesem, den inneren Dualis- 
mus zweier Urtriebe; am dualistischen Charakter des psychischen Prozesses, 
den Freud entdeckte, hielt er immer fest. Die Se:tualökonomie fasst den 
inneren Tricbdualismus anders, nämlich nicht absolut, sondern dialektisch auf 
und leitet überdies die inneren Triebkonflikte aus dem Urgegensatz: Ich- 
Ausscnwelt ab. Es würde zu weit führen, diese sehr komplizierten Fragen hier 
ausführlich darzustellen, im besonderen zu zeigen, wie die sexualökonomische 
Tricblehre aus der Freudschen herauswuchs, was sie dabei übernahm und 
was sie durch andere Auffassungen ersetzte oder fortentwickelte. Manche 
Freunde der Sexualökonomie neigen dazu, hier Freud Auffassungen zuzu- 
schreiben, die er selbst ablehnt. Da die Sexualökonomie u. a. die konsequenteste 
Fortsetzung der psychoanalytischen Naturwissenschaft ist, versteht sich von 
selbst, dass sich viele ihrer Grundauffa.isungen im Wesen der psychoanalytischen 
Forschung vorgebildet, angedeutet oder latent vorbereitet finden. Dies bildet 
die Schwierigkeit, die beiden Disziplinen zu trennen. Doch genügt ein Blick 
in die Literatur, um festzustellen, wie unvereinbar die heutige sexualökonomi- 
sche Sexual- und Trieblehre mit der heutigen psychoanalytischen ist. Und 
ich möchte es im Gegensatze zu manchen sehr wohlgesinnten Freunden bei- 
der Disziplinen vermeiden. Unvereinbares vereinigen zu wollen, über die 
Ansätze zur sexualökonomischen Trieblehre unterrichtet das letzte Kapital 
der »CharakteranalysCK und der »Urgegensatz des vegetativen Lebens«, Z. f. 
p. P. u. S., 1934. 

28 



*• 



Der Satz von der Identität der Gegensätze lässt sich an den Vor- 
gängen der narzisstischen Libido und der ObjektUbido zeigen. Nach 
Freud sind die Selbstliebe und die Liebe zum Objekt nicht nur 
Gegensätze; die Objektliebe entsteht aus der narzisstischen Libido 
und kann jederzeit in sie zurückverwandelt werden; sofern aber 
beide Liebestendenzen darstellen, sind sie identisch; nicht zuletzt 
gehen sie auch auf eine gemeinsame Quelle, den somatischen Sexual- 
apparat und den »Urnarzissmus« zurück. — Ferner die Begriffe 
»Bewusstes« und »Unbewusstes«: Sie sind Gegensätze, aber an der 
Zwangsneurose lässt sich zeigen, dass sie zugleich gegensätzlich und 
identisch sein können. Diese Kranken verdrängen Vorstellungen in 
der Weise aus ihrem Bewusstsein, dass sie der Vorsteliung nur die 
Aufmerksamkeit, d.h. die Affektbesetzung entziehen; die »verdrängte« 
Vorstellung ist jederzeit bewusst und doch unbewusst, d. h. der Kranke 
kann sie produzieren, aber er kennt ihre Bedeutung nicht. — Die Be- 
griffe Es und Ich drücken ebenfalls identische Gegensätze aus: Das 
Ich ist einerseits nur ein besonders differenzierter Teil, wird aber 
gleichzeitig unter dem Einfluss der Aussenwelt ein Gegner, funktio- 
neller Widerpart des Es. 

Der Begriff der Identifizierung entspricht nicht nur einem dia- 
lektischen Vorgang, sondern auch einer Identität von Gegensätzen. 
Die Identifizierung kommt nach Freud so zustande, dass man etwa 
eine Erziehungsperson, die gleichzeitig geliebt und gehasst wird, »in 
sich, aufnimmt« (sich mit ihr »identifiziert«), d. h. ihre Eigen- 
schaften oder Gebote zu den eigenen macht. Dabei geht gewöhn- 
lich die Objektbeziehung zugrunde. Die Identifizierung löst den Zu- 
stand der Objektbeziehuung ab, ist also ihr Gegensatz, ihre Ver- 
neinung, aber gleichzeitig eine Äufrechterhaltung der Objektbe- 
ziehung in anderer Form, also auch eine Bejahung. Dem liegt fol- 
gender Widerspruch oder Konflikt zugrunde: »Ich liebe X; als mein 
Erzieher verbietet er mir sehr viel, weswegen ich ihn hasse; ich 
möchte ihn zerstören, beseitigen, aber ich liebe ihn auch, will ihn ■ 
also auch erhalten.« Aus dieser widerspruchsvollen Situation, die 
als solche bei einer gewissen Intensität der gegensätzlichen Regungen 
nicht bestehen bleiben kann, gibt es folgenden Ausweg: »Ich absor- 
biere ihn, ich 'identifiziere' mich mit ihm, ich vernichte ihn (d. h. 
meine Beziehung zu ihm) in der Aussenwelt, behalte ihn aber in 
mir in einer veränderten Form weiter; ich habe ihn vernichtet und 
doch behalten.« 

In denjenigen Tatbeständen, die in der Psychoanalyse mit dem Be- 
griffe der Ambivalenz, des gleichzeitigen Ja und Nein erfasst werden, 
gibt es noch eine Fülle dialektischer Phänomene, von denen wir 
nur das hervorstechendste, die Verwandlung von Liehe in Hass und 
umgekehrt hervorheben. Hass kann in Wirklichkeit Liebe bedeuten 
und umgekehrt. Sie sind identisch, sofern beide intensive Bindungen 
an den Nebenmenschen ermöglichen. Die Verkehrung ins Gegenteil ist 

29 




eine Eigenschaft, die Freud den Trieben im allgemeinen zuschreibt.. 
Bm der Verkehrung geht aber das Alte nicht unter, sondern bleibt in 
seinem Gegenteil voll erhalten. 

Auch die Gegensätze Perversion und Neurose sind dialektisch 
aufzulösen, indem jede Neurose eine negierte Perversion ist und um- 
gekehrt. 

Ein schönes Beispiel dialektischer Entwicklung lässt sich an der 
säkularen Sexualverdrängung zeigen. Bei den Primitiven besteht ein 
scharfer Gegensatz zwischen dem Inzesttabu hinsichtlich der Schwe- 
ster (und Mutter) und der sexuellen Freiheit hinsichtlich der übri- 
gen Frauen. Die Sexualeinschränkung breitet sich aber immer mehr 
aus, betrifft zunächst nur noch die Cousinen, später alle Frauen der 
gleichen Gens, schlägt schliesslich bei weiterer Ausbreitung in eine 
qualitativ andere Einstellung zur Sexualität überhaupt um, wie 
etwa im Patriarchat und besonders im Zeitalter des Christentums. 
Die stärkere Verdrängung der Sexuahtät überhaupt erzeugt aber 
ihren Gegensatz in der Form, dass heute das Tabu die Beziehungen 
zwischen Bruder und Schwester für die Kindheit de facto durch- 
brochen ist. Die Erwachsenen wissen infolge der überstarken 
Sexual Verdrängung überhaupt nichts mehr von der kindlichen Sexu- 
alität, so dass heute sexuelle Spiele zwischen Bruder und Schwester 
nicht als sexuell angesehen werden und zu den Selbstverständlich- 
keiten auch der »vornehmsten« Kinderstube gehören. Der Primitive 
darf seine Schwester nicht einmal anschauen, ist aber im übrigen 
sexuell ungebunden; der Zivilisierte lebt seine kindliche Sexualität 
an seiner Schwester aus, ist aber sonst durch schärfste moralische 
Gebote gebunden ^^). 

Gehen wir nun zur Frage über, inwieweit die Psychoanalyse die 
Dialektik des Seelischen auch hinsichtlich der allgemeinen Entwick- 
lung des Individuums in der Gesellschaft aufgezeigt hat. Wir wer- 
den dabei zwei wesentliche Fragen zu behandeln haben: 

Erstens, ob die Dialektik des Seelischen sich nicht auf den {wie- 
der auflösbaren) Urgegensatz von Ich (Trieb) und Aussenwelt zurück- 
JFühren lässt. 

Zweitens, wie sich die rationale und die irrationale Betrach- 
tung individueller Gegebenheiten widersprechen und doch ineinander 
übergehen. 

Wir führten bereits im ersten Abschnitt die Auffassung der 
Psychoanalyse Freuds aus, dass das Individuum in seelischer Hin- 

38) (1934) Dieser Absatz bedarf einer Korrektur: Als ich ihn zuerst abfasste, stand 
ich unter dem Einfluss der bürgerlichen Theorie, dass die geschlechtliche 
Einheit der Urgesellschaft die patriarchalische Familie sei; sie deckte sich mit 
der von F r e u d in »Totem und Tabu«. Die Kenntnis von den entscheidenden 
Entwicklungsprozessen, die das Mutterrecht in das Vaterrecht verwandeln, 
zwang dazu, anzuerkennen, dass nicht nur die leibliche Schwester, sondern 
auch alle Mädchen desselben Clans von vornherein dem Tabu unterworfen 
sind, über den Widerspruch von Familie und Clan vergl. meine Ausführungen 
in »Der Einbruch der Sexualmoral«. 

30 





sieht als ein Bündel von Bedürfnissen und ihnen entsprechenden 
Trieben zur Welt kommt. Mit diesen Bedürfnissen ist es als verge- 
fiellschaftetes Wesen sofort in die Gesellschaft hineingestellt, nicht 
nur in die engere Gesellschaft der Familie, sondern mittelbar, durch 
die Ökonomischen Bedingungen des Familiendaseins, auch in die 
■weitere Gesellschaft. Auf die einfachste Formel gebracht tritt die. 
Ökonomische Struktur der Gesellschaft ■ — - durch viele Zwischen- 
glieder hindurch: Klassenzugehörigkeit der Eltern, ökonomische Ver- 
hältnisse der Familie, Ideologien, Verhältnis der Eltern zueinander 
usw. ^ — ■ in eine Wechselwirkung mit dem Trieb-Ich des Neugebore- 
nen. So wie dieses seine Umgebung verändert, wirkt die veränderte 
Umgebung auf es zurück. Die Bedürfnisse werden zum Teil befrie- 
digt, insofern herrscht Einklang. Zum grösseren Teile aber entsteht 
ein Gegensatz zwischen den Triebbedürfnissen und der gesellscbaft- 
lichen Ordnung, als deren Repräsentant wie gesagt die Familie 
(später die Schule) fungiert. Dieser Gegensatz ergibt einen Kon- 
flikt, der zu einer Veränderung führt, und da das Individuum der 
schwächere Gegner ist, zu einer Veränderung in seiner psychischen 
Struktur. Solche Konflikte infolge von Gegensätzen, die bei gleich- 
bleibender Struktur des Kindes unlösbar sind, entstehen täglich und 
stündlich und bilden das eigentlich vorwärtstreibende Element. Man 
spricht in der Psychoanalyse zwar von einer Anlage, von Entwick- 
lungstendenzen und anderem, aber die Tatsachen, die bisher über die 
frühkindliehe Entwicklung in Erfahrung gebracht wurden, sprechen 
nur für die oben geschilderte dialektische Entwicklung, für die Fort- 
bewegung in Gegensätzen von Stufe zu Stufe. Man unterscheidet 
Entwicklungsstufen der Libido, sagt, die Libido »durchlaufe« diese 
Entwicklungsstufen; aber die Beobachtung zeigt, dass keine Stufe 
ohne Versagung der Triebbefriedigung auf der vorhergehenden wirk- 
lich aktiviert wird. So wird die Versagung der Triebbefriedigung 
durch den Konflikt, den sie im Kinde erzeugt, der Motor seiner Ent- 
wicklung. Wir vernachlässigen den durch die Vererbung festgeleg- 
ten Teil an dieser Entwicklung, den man, wie etwa die Anlage der 
erogenen Zonen und des Wahrnehmungsapparats schwer als solchen 
rein darstellen kann. Er bildet noch ein recht dunkles Gebiet biolo- 
gischer Forschung. Die Frage nach der Natur seiner Dialektik gehört 
nicht hierher. Wir haben mit ihm zu rechnen, begnügen uns aber 
im übrigen mit der Formel Freuds, dass an der Entwicklung die 
Triebanlage in der gleichen Weise wie das Erlebnis beteiligt ist""*). 



40) <1934) Auch diese Formulierung bedarC ausführlicher Korrektur. Die Auffa.s- 
sung von der absoluten Natur der Triebanlagc ersetzt die Sexualökonomic 
durch die andere, dass erstens die Anlage nur gegeben sein liönnc in Differenzen 
der biologisch-physiologischen Energieproduktion, dass zweitens die Differen- 
zen erst dann als »hereditäre Anlage« hervortreten, wenn die Entwicklung die 
Bedingungen hierfür schafft. Das heisst, dass das Gleiche, was in dem einen 
Falle als »Anlage« zur Neurose imponiert, in einem anderen Falle durchaus 
nicht als solche hervortritt. Die Lückenhaftigkeit unseres konkreten Wissens 

31 






Unter den Erlebnissen nehmen neben den Triebbefriedigungen die 
Trieb versagungen eine hervorragende Rolle als Motoren der Entwick- 
lung ein. Der Gegensatz zvrischen dem Trieb-Ich und der Aussenwelt 
wird schliesslich zu einem inneren Widerspruch, indem sich eben 
unter dem Einfluss der Aussenwelt ein hemmendes Organ im seeli- 
schen Apparat auszubilden beginnt, das Über-Ich. Was ursprünglich 
Angst vor Strafe war, wird zur moralischen Hemmung. Der Konflikt 
zwischen Trieb und Aussenwelt wird zu einem Konflikt zwischen 
Trieb-Ich und Über-Ich. Wir vergessen aber nicht, dass beide materi- 
eller Natur sind, dass jenes direkt organisch gespeist ist, dieses letzten 
Endes im Interesse der Selbsterhaltung im Ich aufgerichtet wurde. 
Der Selbsterhaltungstrieb (Narzissmus) schränkt den Sexualtrieb und 
die Aggressivität ein. So treten zwei grundlegende Bedürfnisse, die 
ursprünglich im Säuglingsstadium und auch noch später in vielen 
Situationen eine Einheit bilden, in Gegensatz zu einander und treiben, 
von Konflikt zu Konflikt, die Entwicklung vorwärts, aber nicht nur 
anlässlich, sondern geradezu durch die gesellschaftlicheGebundenheit"). 
Bestimmt der innere und der äussere Konflikt die Entwicklung ganz 
allgemein, so erfüllt das gesellschaftliche Sein sowohl die Triebziele 
als auch die moralischen Hemmungen mit ihren zeitgemässen Vor- 
stellungen und Inhalten. Die Psychoanalyse kann also den Satz von 
Marx, dass das Sein das »Bewusstsein«, das heisst die Vorstellungen, 
Ziele der Triebe, die moralischen Ideologien usw. bestimmt, und nicht 
umgekehrt, voll bestätigen. Sie erfüllt nur noch diesen Satz hinsichtlich 
der kindlichen Entwicklung mit konkretem Inhalt. Das schliesst aber 
nicht aus, dass sowohl die Intensität der Bedürfnisse, die somatisch 
bedingt ist, als auch qualitative Differenzen der Entwicklung durch den 
Triebapparat verursacht werden. Das ist keine »idealistische Ent- 
gleisung«, wie mir manche Marxisten in Diskussionen über diesen 
Gegenstand vorhielten, sondern entspricht völlig dem Marxschen 



von diesen Vorgängen bedingt auch die Unbestimmthüit der theoretischen For- 
mulierungen. Ein erster Versuch der Darstellung findet sich im »Nachtrag« zum 
»Einbruch der Scxualmoral«. Es ist wahrscheinlich, dass die künftige dialektisch- 
materialistische Naturwissenschaft von der heutigen Erbvrissenschaft, die ein 
Kraftzentrum erster Ordnung für die gesamte bürgerliche Kulturauffassung 
ist, nicht viel übernchmea wird. Sie fusst in der Hauptsache auf moralischen 
Werturteilen und hat nur spärliche naturwissenschaftliche Elemente aufzu- 
weisen. Sie gipfelte bisher in Hitlers grössenwahnsinniger Rassen-»Theorie«. 

*i) (1934) Hier setzt die Frage an, wie sich die inneren Widersprüche, die den 
inneren seelischen Konflikt erzeugen, aus dem Urkonflikt zwischen Ich 
und Aussenwelt ableiten und wie sie sich dann verselbständigen. Diese zen- 
trale Frage über die Natur des »dialektischen Entwicklungsgesetzesa tauchte 
erst vor kurzem auf, als das Problem der Charakterbildung das Interesse auf 
sich zog; wie weit es schon bei Hegel oder bei Marx konkret erfasst ist, 
• kann ich gegenwärtig nicht beurteilen; ich ziehe es vor, unvoreingenommen 
an das neue Gebiet, das die Dialektik im Seelischen darstellt, heranzutreten, 
um es daraus zu entwickeln; bei Marx schien mir die Frage, wie es zur 
Bildung des inneren Widerspruches kommt, nicht beantwortet. Doch 
mag sein, dass ich zur Zeit des Studiums der Marxschen Philosophie nicht 
auf die Erfassung dieses Problems eingestellt war und es daher überlas. 

32 



Satz, dass die Menschen selbst ihre Geschichte machen, nur unter 
bestimmten Voraussetzungen und Bedingungen gesellschaftlicher ^a.- 
tur'J^). Engels verwahrt sich in einem Briefe ausdrücklich gegen 
die Auffassung, dass die Produktion und Reproduktion des wirk- 
lichen Lebens das einzig bestimmende Moment der Entwicklung 
der Ideologien sein sollte. Es sei nur das in letzter Instanz bestim- 
mende Moment ^^). 

Ins Soziologische übersetzt, bedeutet die zentrale These Freuds 
von der Bedeutung des Ödipuskomplexes für die Entwicklung des 
Individuums nichts anderes, als dass das gesellschaftliche Sein diese 
Entwicklung bestimmt. Die menschlichen Anlagen und Triebe, 
leere Formen für aufzunehmende gesellschaftliche Inhalte, gehen 
durch die (gesellschaftlichen) Schicksale der Beziehungen zu Vater, 
Mutter und Erziehungspersonen durch und gewinnen erst jetzt ihre 
endgültige Form und ihre Inhalte. 

Die Dialektik der seelischen Entwcklung zeigt sich nicht nur 
darin, dass sich aus jeder Konfliktsituation, je nach dem Kräfte- 
verhältnis der Gegensätze gegensätzliche Ergebnisse bilden können, 
sondern die klinische Erfahrung weist auch nach, dass Charaktereigen- 
schaften in entsprechenden Konfliktsituationen in ihr gerades Gegen- 
teil umschlagen können, das keimhaft bereits bei der ersten Konflikt- 
\ lösung vorhanden war. Ein grausames Kind kann der mitleidvollste 
Mensch werden, nicht ohne dass eine eingehende Analyse im Mitleid 
die alte Grausamkeit nachweisen könnte. Das sclimutzliebende Kind 
kann später ein Reinlichkeitspedant, das neugierige ein peinlich dis- 
kreter Mensch sein. Sinnlichkeit schlägt leicht in Askese um. Ja, je 
intensiver eine Eigenschaft zur Entfaltung kommt, desto leichter 



42) (1934) Da der heutige ökonomistische Marxismus im Namen von Karl MarxßcgcD 
die ScxualöliODomie polemisiert, bringe ich ein Zitat, das zeigt, wie sehr Marx 
die Bedürfnisse als Basis der Produktion und der Gesellschaft einschätzte; 
mir ist dabei klar, dass heute über wissenschaftliche Streitfragen nicht sach- 
liche Erhebungen, sondern Prestigepolitik zu entscheiden pflegt und daas 
Zitieren gar nichts nützt. 

»Die Individuen sind immer und unter allen Umständen von sich aus- 
gegangen«:, aber da sie nicht einzig in dem Sinne waren, dass sie keine 
Beziehung zu einander nötig gehabt hätten, da ihre Bcdürfni.ssc, also 
ihre Natur, und die Weise sie zu befriedigen, sie auf ein- 
ander bezog (Geschlechtsverhältnisse, Austausch, Teilung der Arbeit), so 
m u s s t e n sie in Verhältnisse treten. Da sie ferner nicht als reine Ichs, 
sondern als Individuen auf einer bestimmten Entwicklungstufe ihrer Produk- 
tivkräfte und Bedürfnisse in Verkehr traten, in einen Verkehr, der seinerseits 
wieder die Produktion und die Bedürfnisse bestimmte, so war es eben das 
persönliche, individuelle Verhalten der Individuen, ihr Verhalten als Individuen 
zu einander, das die bestehenden Verhältnisse schuf und täglich neu schafft. 
Sie traten als das miteinander in Verkehr, was sie waren, sie gingen »von sich 
aus«, wie sie waren, gleichgültig welche »Lebensan schau unga sie hatten. Diese 
»Lebens ansch au ung«, selbst die windschiefe der Philosophen, konnte natürlich 
immer nur durch ihr wirkliches Leben bestimmt sein.« 

Marx-Engels, »Deutsche Ideologie«, Wien-Berlin 1932, Seite 416. 
-43) »Wenn nun jemand das dahin verdreht, das ökonomische Moment sei das 
einzig bestimmende, so verwandelt er jenen Satz in eine nichtssagende 
abstrakte, absurde Phrase.« »Engels-Brevier«, Wien 1920, S. 124. 

33 



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f 



schlägt sie bei entsprechenden Anlässen ins Gegenteil um. (Reak- 
tionsbildung.) 

Im Fortschreiten der Entwicklung geht aber andererseits das Alte 
nicht ganz durch Umwandlung verloren. Während ein Teil der Ei- 
genschaft sich ins Gegenteil umbildet, bleibt ein anderer unverändert 
bestehen, nicht ohne im Laufe der Zeit formale Wandlungen infolge 
der Veränderung der Gesamtpersönlichkeit zu erleiden. Der Freud- 
sche Begriff der W iederh alu ng spielt in der Psychologie der 
seelischen Entwicklung eine grosse Rolle und erweist sich bei genauer 
Betrachtung als durchaus dialektisch^^). Das Wiederholte ist näm- 
lich immer sowohl das Alte als auch durchaus Neues, Altes in neuem .1 
Gewände oder neuer Funktion. Das sahen wir schon beim Symptom. ^ 
So ist es aber auch bei der Sublimierung. Wenn ein Kind, das gern 
mit Kot s]iielte, später ebenso gern Burgen aus nassem Sand baut 
und als Erwachsener schliesslich dazu gelangt, ein grosses Interesse 
für Bauten zu entwickeln, so ist in allen drei Phasen das Alte ent- 
halten und doch in anderer Form und anderer Funktion. Ein anderes 
Beispiel ist die Geschichte des Chirurgen oder des Frauenarztes; der 
erste sublimiert etwa seinen Sadismus im Operieren, dieser seine 
infantile Schau- und Tastlust. Die Beurteilung der Richtigkeit dieser 
Befunde kann nicht Sache der methodologischen, sondern einzig der 
empirischen Kritik sein. Wer keinen Chirurgen analysiert hat, kann 
diese Behauptung nicht bestreiten. Aber methodologisch kann er einen 
wichtigen Einwand erbeben, nämlich die Abhängigkeit der Tätigkeit 
des Menschen von den ökonomischen Daseinshedingungen. Die Psy- 
choanalyse behauptet aber nicht mehr, als dass diese oder jene Kräfte 
in der Tätigkeit wirken "s). Neben diesem subjektiven. Drang ist die 
Sublimierungsform natürlich durchaus ökonomisch bedingt, denn dar- 
über.ob ein Mensch seinen Sadismus als Schlächter, als Chirurg oder 
als Detektiv sublimiert, entscheidet vor allem seine gesellschaftliche 

<l+) (1934) pje Lehre vom Wiedcrholungszwang jenseits des Lustprinzips 
erwies sich mittlerweile als eine wie eigens zum Zwecke der Entsexualisierun.? 
aes psythisehen Prozesses geborene Hypothese. Ihre ausführliche klinische 
WKlerlcguni; findet sich im Kapitel »Der masochistische Charakter« in sCha- 
rakteranalyse« 1933. Dialektisch im Sinne der obigen Textform ulierunf ist die 
Wiederholung nur innerhalb des Lust -Unlustprinzips, das schon aus heu- 
ristischen Interessen nicht eingeschränkt werden darf, wenn man nicht der 
ausgetriebenen Metaphysik das Tor wieder breit öffnen will. 

") (1934) Ich halte seinerzeit die Stellung der Psychoanalyse zu ihren eigenen 
,\;5".°P°'*'''' """"«<=" ^" Rünstig beurteilt. Dass die Inhalte der psychischen 
latigkeit rationale Gchilde der Aussenwelt sind und dass nur die Energie- 
hesetzungen der Innenwelt entstammen, wird kein nichtmarxistischer Analytiker 
KUgcben. Das zeigt sich daran, dass man z. B. ernsthaft den Kapitalismus 
aus dem Triebleben erklärt. Wir übersehen aber hier nicht das wichtige, noch 
iingeltlärtc Problem, wie es der psychische Energieapparat anstellt, Reize der 
Aussenwelt. die ihn treffen, zu Vorstellungen von dieser Aussenwelt zu ge- 
stalten, die sich dann unabhängig von äusseren Reizen reproduzieren können. 
Dieses Problem liegt auf der gleichen Linie wie das der Entstehung des inneren 
Widerspruchs. Es ist fraglos gleichzeitig das Problem der Entstehung des 
Bewusstseins überhaupt. Hier gibt es nicht einmal brauchbare Ansätze zu 
einer befriedigenden Lösung. 

34 



Stellung. Es kann auch eine Sublimierung aus gesellschaftlichen 
Gründen unmöglich werden, das führt dann zu einer Unzufriedenheit 
mit dem gesellschaftlich aufgezwungenen Beruf. Man muss ferner 
fragen, wie sich der unleugbar rationale Charakter der Tätigkeit mit 
ihrem ebenso unleugbar irrationalen Sinn verträgt. Der Maler malt, der 
Techmker baut, der Chirurg schneidet, der Frauenarzt untersucht 
doch, um das Leben zu bestreiten, also aus ökonomischen, aus ratio- 
nalen Gründen, überdies ist die Arbeit ein gesellschaftlicher, also ein 
durchaus rationaler Faktor. Wie verträgt sich das mit der Erklärung 
der Psychoanalyse, dass der Arbeitende in seiner Tätigkeit einen 
Trieb sublimiert und so befriedigt? Manche Analytiker schätzen den 
rationalen Charakter der menschlichen Tätigkeit nicht gebührend 
ein. Man kann bei ihnen eine Weltauffassung feststellen, die in den 
Produkten der menschlichen Tätigkeit nichts als Projektionen und 
Befriedigungen von Trieben sehen will''"). Demgegenüber hat ein Ana- 
lytiker einmal scherzweise bemerkt, das Flugzeug sei ja zwar ein 
Penissymbol, aber man könne damit doch von Berlin nach Wien 
fliegen. 

Die Problematik der Beziehungen zwischen Rationalem und Ir- 
rationalem") ergibt sich auch aus folgendem Tatbestand. Das Be- 
arbeiten der Erde mit Werkzeugen und das Einpflanzen des Samens 
haben gesellschaftlich wie beim Einzelnen den Zweck der Produktion 
von Lebensmitteln. Aber es bekommt auch den symbolischen Sinn 
eines Inzestes mit der Mutter (»Mutter Erde«). Das Rationale zieht 
das Symbolische heran, es erfüllt sich mit symbolischem Sinn. Die 
Beziehung der rationalen Tätigkeit zum irrationalen symbolischen 
Sinn dieser Tätigkeit ist gegeben in der Rhythmik beider Funktio- 
nen, im Hineinbohren eines Werkzeuges in einen Stoff, im Ein- 
pflanzen des Samens und in der Produktion einer Frucht durch den 
so bearbeiteten Stoff. Die Symbolik ist also gerechtfertigt. Wir sehen 
auch, dass das anscheinend Sinnlose einen sinnvollen Kern, die Sym- 
bolik einen realen Hintergrund hat in der Tatsache, dass die Mutter 
ebenso wie die Erde nach Bearbeitung mit einem Werkzeug (Penis- 
symbol) Früchte trägt. Das Aufstellen von künstlichen Phallussen 
auf bebauten Feldern im Sinne eines Fruchtbarkeitszaubers, eine 
objektiv unzweckmässige Handlung magischer Natur, die von vielen 
primitiven Völkern geübt wird, beleuchtet eine bestimmte Seite der 
Beziehung zwischen dem Rationalen und dem Irrationalen : Hier 
handelt es sich um einen magischen Versuch, ein bestimmtes Ziel 



46) <1934) Bei Freud selbst nur ia wenig betonten Ansätzen, wie etwa in der 
Auffassung über die Erfindung des Feuers; diese Ansätze zu idtalistiscber 
Weltauffassung, die bei Freud im Vergleich zu seinen materialihtischcn Ent- 
deckungen und Theorien verschwinden, wurden von metaphysisch und ethisch 
denkenden Analytikern besonders hervorgehoben und zu grotesken Auffassun- 
gen fortentwickelt. 

*7) »Rational« ist hier durchaus im Sinne von sinn-, zweckgcmäss, »irrational« 
in dem von sinnlos, unzweckmässig gebraucht. 

35 



■^ 



mit irrationalen Mitteln leictiter und besser zu erreichen. Deswegen 
wird aber das rationale Handeln, in diesem Falle das tatsächliche 
Umgraben und Bebauen der Erde, nicht unterlassen. Und das, was 
im Ackerbau als symbolisches Element irrational erscheint, nämlich 
der Geschlechtsverkehr, ist an sich sinnvoll und zweckmässig; er 
dient der Befriedigung des Sexualbedürfnisses, wie das Säen' der 
Selbsterhaltung dient. Wir sehen also wieder, dass es keine absoluten 
Gegensätze gibt, dass sich auch der Gegensatz von rational und irra- 
tional dialektisch auflösen lässt. 

Die dialektische Tatsache, dass im Rationalen Irrationales ent- 
halten ist, und umgekehrt, bedarf näherer Überlegung. Die Antwort 
darauf kann die psychoanalytische Erfahrung über klinische Einzel- 
tatsachen geben. Sie zeigt, dass die gesellschaftlich zweckvollen Tä- 
tigkeiten des Menschen symbohschen Sinn bekommen können, aber 
nicht müssen. Auch wenn etwa in einem Traum ein Messer oder ein 
Baum erscheint, so kann das auch ein Penissymbol sein, muss aber 
nicht; es kann ein reales iMesser oder ein realer Baum gemeint sein. 
Und wenn es als Symbol im Traume erscheint, so ist damit der 
rationale Sinn keineswegs ausgeschlossen, denn wenn man analytisch 
der Frage nachgeht, warum der Penis gerade durch einen Baum oder 
ein Messer dargestellt ist und nicht etwa durch einen Stab, so findet 
man in vielen Fällen eine rationale Begründung dafür. So maslur- 
bierte eine nymphomane Kranke mit einem Messer, das unzweifelhaft 
einen Penis symbolisierte. Die Wahl des Messers war aber dadurch 
begründet, dass ihre Mutter ihr einmal ein Messer nachgeworfen und 
sie dabei verletzt halte. In der Onanie herrschte die Idee vor, dass 
sie sich mit dem Messer ruinieren müsse. Dieses Handeln, das später 
irrational war, war ursprünglich durchaus rational, es diente nämlich 
der Sexualbefriedigung. Wir sehen aus diesen Beispielen und könnten 
an beliebig anderen zeigen, dass alles, was im Augenblicke der Be- 
trachtung irrational erscheint, einmal rationale Funktion hatte. Hat 
doch jedes Symptom, an sich irrational, einen Sinn und Zweck, wenn 
man es analytisch auf seine Entstehung zurückführt. Das Ergebnis 
dieser Betrachtung ist, dass alles kindlich-triebhafte Han- 
deln, das im Dienste des rationalen Strebens nach 
Lust steht, zu irrationalem Handeln wird, wenn es 
das Schicksal der Verdrängung oder ein ähnliches 
erlitten hat. Das Rationale ist also das Primäre. 

Nehmen wir etwa das Konstruieren von Maschinen vor, so finden 
wir in ihm irrationale Elemente, etwa die symbolische Befriedigung 
eines unbewussten Wunsches. In der Sublimlerung wurde eine Trieb- 
kraft, die in der Kindheit einmal rational auf Befriedigung gerichtet 
war, durch die Erziehung von ihrem ursprünglichen Ziel abgelenkt 
und auf ein anderes hingelenkt. In dem Augenblicke aber, wo das 
ursprüngliche Ziel real aufgegeben, in der Phantasie aber festgehalten 
wurde, wurde das Streben danach irrational. Findet der Trieb in der 
36 



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■^ 



Subliinierung ein neues Ziel, so vermengt sich das alte, irrational 
gewordene Streben mit dem neuen rationalen Handeln und erscheint 
hier als irrationale Begründung dieses Handelns. Das sei schematisch 
etwa am sexuellen Wissenstrieb, der sich später in der Tätigkeit zum 
Beispiel des Frauenarztes auswirkt, gezeigt. 

1. Phase; Der sexuelle Wissenstrieb ist rational auf die Beobachtung, 
des nackten Körpers und der Geschlechtsorgane gerichtet. Rationales 
Ziel: Befriedigung der Wissbegierde. 

2. Phase: Versagung der direkten Betätigung; der Trieb verliert 
seine Befriedigung, das Streben wird mit Bezug auf das ak- 
tuelle gesellschaftliclie Sein irrational. 

3. Phase: Der Trieb findet eine neue Betätigung, die mit der ersten 
inhaltliche Beziehungen hat. Der Betreffende wird Arzt und betrach- 
tet jetzt nackte Körper und Geschlechtsorgane wieder wie seinerzeit 
als Kind. Er tut also dasselbe und doch etwas anderes; sofern er 
dasselbe tut wie als Kind, sofern seine Tätigkeit sich auf die kind- 
liche Situation bezieht, ist sie aktuell sinn- und zwecklos; sofern sie 
sich hingegen auf seine gegenwärtige gesellschaftliche Funktion be- 
zieht, ist sie sinnvoll. 

Das bedeutet aber, dass darüber, ob eine Tätigkeit ratio- 
nal oder irrational Ist, ihre gesellschaftliche Funk- 
tion entscheidet. Die Wandlung des Charakters einer Betäti- 
gung vom Rationalen zum Irrationalen und umgekehrt hängt auch 
von der momentanen gesellschaftlichen Position des Individuums ab. 
Die gleiche Betätigung des Arztes, die in seinem Ordinationsraum 
sinnlos ist, wird in seinem Privatleben etwa beim Liebesakt sinnvoll, 
und was dort sinnvoll war, verliert in derselben privaten Situation 
seinen rationalen Charakter. 

Diese Erwägungen gestatten aber die Annahme, dass die Psycho- 
analyse kraft ihrer Methode, die triebhaften Wurzeln der gesell- 
schaftlichen Tätigkeit des Individuums aufzudecken und kraft ihrer 
dialektischen Trieblehre berufen ist, die psychische Auswirkung der 
Produktivkräfte im Individuum, das heisst die Bildung der Ideologien 
»im Menschenkopfe«, im Detail zu klären. Zwischen die beiden End- 
punkte: ökonomische Struktur der Geselschaft und 
ideologischer überbau, deren Kausalbeziehungen die mate- 
rialistische Geschichtsauffassung im allgemeinen erfasst hat, schaltet 
die psychoanalytische Erfassung der Psychologie des vergesellschaf- 
teten Menschen eine Reihe von Zwischengliedern ein. Sie kann zeigen, 
dass die ökonomische Struktur der Gesellschaft sich »im Kopfe des 
Menschen« nicht unmittelbar in Ideologien umsetzt, sondern dass das 
Nahrungsbedürfnis, von den jeweiligen ökonomischen Verhältnissen 
in seinen Äusserungs formen abhängig, die Funktionen der weit pla- 
stischeren Sexualenergie abändernd beeinflussl, und dass diese ge- 
sellschaftliche Einwirkung auf die Sexualbedürfnisse dufch Ein- 
schränkung ihrer Ziele immer neue Produktivkräfte in Form subli- 

37 



: 



1 






mierter Libido in. den gesellschaftlichen Arbeitsprozess überführt. 
Teils direkt in Form von Arbeitskraft, teils indirekt in Form von höher 
entwickelten Ergebnissen der Sexualsublimierung, wie etwa der Re- 
ligion, der Moral im allgemeinen, der Geschlechtsmoral im besonderen, 
der Wissenschaft usw. Das bedeutet eine sinnvolle Einordnung der 
Psychoanalyse in die materialistische Geschichtsauffassung an einem 
.ganz bestimmten, ihr adaequalen Punkte: nämlich dort, wo die 
psychologischen Probleme heginnen, die der Marx sehe Satz 
aufdeckt, dass die materielle Daseinsweise sich im Kopfe des Men- 
schen in Ideen umsetzt. Der Libidoprozess in der gesellschaftlichen 
Entwicklung ist also sekundär, von ihr abhängig, wenn er auch selbst 
entscheidend in sie eingreift, indem die sublimierte Libido als Arbeits- 
kraft zur Produktivkraft wird'*^). 

Wenn aber der Libidoprozess^^) das Sekundäre ist, so müssen wir 
uns nach der historischen Bedeutung des Ödipuskom- 
plexes fragen. Wir haben gesehen, dass die Psychoanalyse alle 
seelischen Prozesse, wenn auch unbewusst, dialektisch auffasst, nur 
der Ödipuskomplex scheint in ihrer Theorie ein Ruhepunkt mitten 
in den bewegten Erscheinungen zu sein. Das kann zweierlei Gründe 
haben. Entweder wird der Ödipuskomplex unhistorisch als unverän- 
derte und unveränderbare, in der Natur des Menschen gegebene Tat- 
sache aufgefasst. Der zweite Grund könnte aber sein, dass sich die 
Familienform, die den heutigen Ödipuskomplex begründet, seit Jahr- 
tausenden relativ unverändert erhält. Der ersten Ansicht scheint 
Jones'^'*) zu sein, der in einer Diskussion mit M a li n ow s ki ") 
über den Ödipuskomplex in der mutter rechtlichen Gesellschaft den 
Ausspruch tat, dass der Ödipuskomplex »fons et origo« von allem 
sei. Diese Auffassung ist zweifellos falsch, denn die heute entdeckten 
Beziehungen des Kindes zu Vater und Mutter als ewige, in jeder Ge- 
sellschaft gleich bleibende hinzustellen, ist nur mit der Auffassung 
von der Unabänderlichkeit des gesellschaftlichen Seins vereinbar. Den 
-Ödipuskomplex verewigen heisst, die ihn begründende Familienform 

*8) (1934) Der obige Absatz ist im wesentlichen aufrechtzuerhalten, aber nach 
dem heutigen Stande des Wissens sehr primitiv und unpräzise. Dass die Pro- 
duütivkraft »Arbeilskrafta in ihrem energetischen Kcro ein Problem der 
icxualukonomic des Menschen, das heisst der Schicksale bildet, die seine 
Libido in der Entwicklung erfuhr, ist nicht mehr zu bezweifeln. Dass die 
okonomistischcn Marxisten darin eine Beleidigung der Arbeit zu erblicken 
Kcheinen, wenn sie diese Möglichkeit schärfstens ablehnen, dass sie hierbei 
aufhören, Marxisten zu sein, ist ebensowenig zu bezweifeln. Doch muss gesagt 
werden, dass wir über den strukturellen und dynamischen Aufbau der Arbeits- 
kraft noch sehr wenig wissen, obgleich dieses Problem das Kernproblem der 
sozialistischen Kulturrevolution und der sogenannten »Planierung des Men- 
schen« darstellt, die der Planierung der Wirtschaft folgen muss, wenn diese 
sich strukturell verankern will. 

40) (1934) Der Akzent liegt hier auf »-prozess«. Dass die sexuelle Lebensenergie 
als lebendige Triebkraft vor aller Produktion vorhanden ist, versteht sich 
von selbst. 

CO) Imago, 1928. 

Gl) Sex and Repression in Savagc Society. Kegan, London. 

38 



r 



absolut und ewig fassen, was der Meinung gleichkäme, dass die Mensch- 
heit von Natur aus so veranlagt sei, wie sie uns lieute erscheint. Die 
Annahme des ödipusltomplexes stimmt für alle Formen der patriar- 
chalischen Gesellschaft, die Beziehung der Kinder zu den Eltern 
ist aber nach den Forschungen von Malinowski in der mutter- 
rechtlichen Gesellschaft so verschieden, dass sie die Bezeichnung kaum 
mehr verdient. Nach Malinowski ist der Ödipuskomplex eine ge- 
sellschaftlich bedingte Tatsache, die ihre Form mit der Struktur der Ge- 
sellschaft verändert. Der Ödipuskomplex muss in einer sozialistischen 
Gesellschaft untergehen, weil seine gesellschaftliche Grundlage, die pa- 
triarchalische Familie untergeht, ihre Daseinsberechtigung verliert. 
Und die beabsichtigte Gemeinschaftserziehung der Kinder ist für die 
Bildxmg von seelischen Einstellungen, wie sie heute in der Familie 
Zustandekommen, so ungünstig, die Beziehung der Kinder unterein- 
ander und zu den Erziehern derart vielseitiger, bewegter, dass die Be- 
zeichnung »Ödipuskomplex«, die den bestimmten Inhalt hat, dass man 
die Mutter begehrt und den Vater als Rivalen töten will, ihren Sinn 
verliert. Es ist nur eine Frage der Definition, ob man den realen 
Inzest, wie er in der Urzeit bestand, als Ödipus-s- Komplex« bezeichnen 
will, oder ob man diese Benennung für den versagten Inzestwunsch 
und die Rivalität mit dem wirklichen Vater reserviert. Das bedeutet 
nur eine Einschränkung der Gültigkeit einer analytischen Grundthese 
auf bestimmte Gesellschaftsformen. Es bedeutet aber gleichzeitig die 
Charakterisierung des Ödipuskomplexes als einer zumindest in seinen 
Formen gesellschaftlich, letzten Endes ökonomisch bedingten Tat- 
sache. Bei der Uneinigkeit, die unter den Ethnologen herrscht, ist die 
Frage nach der Herkunft der Sexual Verdrängung derzeit noch nicht 
zu lösen "ä^}. Freud, der sich in »Totem und Tabu« auf die Dar.- 
winsche Theorie der Urhorde stützt, fasst den Ödipuskomplex als 
Ursache der Sexualverdrängung auf. Dabei kommt aber die Be- 
trachtung der mutterrechtlichen Gesellschaft offenbar zu kurz. Vom 
Standpunkt der Bachofen-Morgan-Engels sehen Forschung 
zeigen sich Möglichkeiten, umgekehrt den Ödipuskomplex beziehungs- 
weise die ihm zugrundeliegende Familienform als Folge der einmal 
einsetzenden Sexual Verdrängung aufzufassen. — Wie immer dem sei: 
Die Psychoanalyse würde sich gewiss weitere Forschungsmöglichkeiten 
auf dem gesellschaftlichen und pädagogischen Gebiete rauben, wenn 
sie die Dialektik, die sie selbst im Seelenleben aufgedeckt hat, für den 
Ödipuskomplex negieren wollte''^). 



52) (1934) MiUlerweile konnte eine brauchbare Auffassung über die gcscllschaft- 
iiche Herkunft der Sexualverdränßung gebildet werden. Vgl. »Einbruch« etc. 
1934. 

53) (1934) Diese Befürehtunfi hat sich seither als sehr berechtigt erwiesen. Die 
psychoanalytische Pädagogik ist in ihrer Entwicklung durch zwei weltan- 
schauliche Schranken der bürgerlichen Analytiker gehemmt: erstens durch 
die Nichtbeachtung des Widerspruchs von Aufhebung der SexualvcrdränguDg 
und bürgerlicher Sexualhemmung beim Kinde und Jugendlichen; zweitens 
durch die biologische Auffassung des Kind-Ellern-Konfliktcs. 

39 



1 



IV. Die gesellschaftliche Stellung der Psychoanalyse 

Nehmen wir nun die PsychoanaLyse als Objekt der soziologischen 
Betrachtung, so stossen wir auf folgende Fragen: 

1. Welchen gesellschaftlichen Tatsachen verdankt die Psychoana- 
lyse ihre Entstehung? Welchen soziologischen Sinn hat sie? 

2. Wie ist ihre Stellung in der heutigen Gesellschaft? 

3. Welche Aufgabe hat sie im Sozialismus? 

Zu 1. Wie jedes andere gesellschaftliche Phänomen ist auch die 
Psychoanalyse an eine bestimmte Stufe der gesellschaftlichen Ent- 
wicklung gebunden, hat auch sie in einem bestimmten Stande der 
Produktionsverhältnisse ihre Daseinsbedingung. Sie ist wie der 
Marxismus ein Produkt des kapitalistischen Zeitalters, nur hat sie 
keine so unmittelbare Beziehung zur ökonomischen Basis der Gesell- 
schaft wie jener; doch ihre mittelbaren Beziehungen lassen sich klar 
nachweisen: Sie ist eine Reaktion auf die kulturellen und moralischen 
Verhältnisse, in denen der vergesellschaftete Mensch lebt. Hier kom- 
men vor allem die Sexualverhältnisse in Betracht, die sich aus den 
kirchlichen Sexualideologien heraus entwickelten. Die bürgerliche Re- 
volution des 19. Jahrhunderts fegte die feudalistische Produktionsweise 
zum grossen Teile weg und trat mit freiheitlichen Gedanken gegen die 
Religion und ihre Moralgesetze auf. Der Bruch mit der religiösen 
Moral bereitete sich aber, wie etwa in Frankreich, schon zur Zeit der 
französischen Revolution vor, das Bürgertum schien die Keime einer 
neuen, der kirchlichen entgegengesetzten Moral im allgemeinen und 
Sexualmoral im besonderen in sich zu tragen. Aber so wie das Bür- 
-gertum später, nachdem seine Macht und die kapitalistische Wirtschaft 
befestigt waren, reaktionär wurde, die Kirche wieder aufnahm, weil 
es sie zur Niederhaltung des inzwischen entstandenen Proletariats 
lirauchte, so übernahm es auch in etwas anderer Form, aber wesentlich 
unverändert die kirchliche Sexualmoral. Die Verdammung der Sinn- 
lichkeit, die monogame Ehe, die Keuschheit des Mädchens und damit 
auch die Zersplitterung der männlichen Sexualität bekamen nun 
•emen neuen ökonomischen, diesmal kapitalistischen Sinn. Das Bür- 
gertum, das den Feudalismus stürzte, übernahm zu einem grossen 
Teile die feudalen Lebensgewohnheiten und kulturellen Bedürfnisse, 
musste sich auch durch eigene Moralgesetze gegen das »Volk« absper- 
ren und schränkte so die Sexualbedürfnisse immer mehr ein. In der 
bürgerlichen Klasse ist die Sexualfreiheit aus ökonomischen Gründen, 
bis auf die Eheschliessung, völlig eingeschränkt; die männliche 
-Jugend sucht die sinnliche Befriedigung der Sexualität bei den Frauen 
und Mädchen des Proletariats, Daraus und aus dem ideologischen 
Klassengegensatz verschärft sich die Keuschheitsforderung für das 
bürgerliche Mädchen; die doppelte Geschlechtsmoral ist auf kapita- 
listischer Basis neu erstanden. Wie in einem Zirkel wirkt die doppelte 
Geschlechtsmoral zersetzend auf die Sexualität des Mannes und ver- 

40 




1 



nichtend auf die Sexualität der Frau, die aus ihrer Entwicklung heraus 
auch in der Ehe innerlich »keusch«, d. h. kalt, unanziehend, ja ab- 
stossend wird; das befestigt wieder die doppelte Moral, der Mann 
sucht seine Befriedigung weiter beim proletarischen Weib, das er aus 
deinem Klassenbcwusstscin verachtet, und ist gezwungen, nach aussen 
ehrenhafte »Sittlichkeit« zur Schau zu tragen; er lehnt sich innerlich 
gegen seine Gattin auf, zeigt das Gegenteil nach aussen, überpflanzt 
seine Ideologie auf Sohn und Tochter. Die andauernde Sexualver- 
drängung und -erniedrigung wird aber dialektisch zum zerstörenden 
Element der Eheinstitution und der sexualraoralischen Ideologie. Zu- 
nächst kommt die erste Etappe des Zusammenbruchs der bürgerlichen 
Moral; Die seelischen Erkrankungen nehmen überhand. Die offizielle 
Wissenschaft, selbst in der Sexualverdrängung befangen, verachtet die 
Sexualität als Forschungsobjekt und blickt auf den Dichter und 
Schriftsteller, den diese brennende Frage von Tag zu Tag intensiver 
beschäftigt, verächtlich herab. Die seelischen Erkrankungen, die 
Hysterie und die allgemeine Nervosität, die ständig zunehmen, erklärt 
•er für »Einbildungen«, für Folgen der »Überarbeitung«. Am Ende 
des 19. Jahrhunderts tritt als Reaktion gegen die moralisch befangene 
■Wissenschaft und als Zeichen der zweiten, wissenschaftlichen 
Phase des Niederganges der bürgerlichen Moral innerhalb der bürger- 
lichen Klasse selbst ein Forscher auf, der behauptet, dass die moderne 
Nervosität Folge der kultureilen Sexualmoral isf*^), dass die Neurosen 
im allgemeinen ihrem spezifischen Wesen nach auf übermässiger Sexu- 
aleinschränkung beruhen. Dieser Forscher, Freud, wird wissenscbaft- 
-llch geächtet, verfemt, als Scharlatan hingestellt. Er behauptet seine 
Position ganz allein und bleibt mehrere Jahrzehnte lang ungehört. In 
■dieser Zeit wird die Psychoanalyse geboren, ein Abscheu und Greuel 
für die ganze bürgerliche Welt, nicht nur für die Wissenschaft, denn 
-sie rührt an die Wurzeln der Sexualverdrängung, einen der Grund- 
pfeiler vieler konservativer Ideologien (Religion, Moral usw.)'^'*). Sie 
■erscheint im gesellschaftlichen Sein zur selben Zeit, in der auch sonst 



5*) Freud, »Die »kulturelle« Sexualmoral und Hie moderne Nervosität«, ferner 
sciDe Arbeiten zur Neurosenlehre. 

SB) (1934) Diese Ansicht wird von Freud selbst nur hinsichtlich der RcÜKion, 
nicht aber hinsichtlich der Moral ak;;cpticrt. Freud führte die Widerstände, 
auf die er stiess, auf die infantilen Komiilexe und Verdrängungen derer zu- 
rück, die sie ihm entgegensetzten. Das ist richtiß, aber das nni wenigsten 
Bedeutsame daran. Diejenigen, die die Freudschcn Theorien über das Un- 
bewusste, die kindliche Sexualcntwicklung etc. aufs schwerste bekämpften und 
bekämpfen, handeln gänzlich unbcwusst als Vollzugsorgane gesellschaftlich- 
reaktionärer Interessen, auch dann, wenn es Marxisten tun. Die Sexualunter- 
drückung steht im Dienste der Klassenherrschaft. Diese hat sich ideologisch 
und strukturell in den Beherrschten reproduziert, bilden in dieser Gestalt 
die stärkste, noch unerkannte Macht jeder Art von Unterdrückung. Die bür- 
gerliche Gesellschaft wehrte sich gegen Freud, weil er den Bestand ihres 
ideologischen Apparats aufs äusserste zu bcdrolien schien. Freud selbst hat 
diesen Grund nie erkannt, ja seine Aufdeckung ungern gesehen. Die Sexual- 
ökonomie setzt die Funktion der Psychoanalyse in gesellschaftlicher Hinsicht 
dort fort, wo sie von den Vertretern der Psychoanalyse abgelehnt wurde. 

41 



1 



im bürgerlichen Lager selbst Anzeichen einer revolutionären Bewegung 
gegen ihre Ideologien sich zeigen. Die bürgerliche Jugend protestiert 
gegen das bürgerliche Elternhaus und schafft eine eigene »Jugend- 
bewegung«. Ihr geheimer Sinn ist das Streben nach sexueller Frei- 
heit. Da sie aber den Anschluss an die proletarische Bewegung ver- 
säumt, geht sie, nach teilweiser Erreichung ihres Zieles bedeutungs- 
los geworden, unter. Liberale bürgerliche Zeitungsstimmen setzen 
wieder heftiger gegen die kirchliche Bevormundung ein. Die bürger- 
liche Literatur beginnt einen immer freiheitlicheren Standpunkt in 
moralischen Fragen einzunehmen. Aber alle diese Erscheinungen, 
die das Auftreten der Psychoanalyse zum Teil begleiteten, zum Teil 
ihm vorangingen, versickern, sobald es ernst werden soll; keiner 
wagt, die Frage zu Ende zu denken, die Konsequenzen zu ziehen, 
das ökonomische Interesse geht voran und bringt sogar ein Bündnis 
zwischen bürgerlichem Liberalismus und Kirche zustande. 

So wie der Marxismus soziologisch der Ausdruck des Bewusst- 
■werdens der Gesetze der ökonomischen Wirtschaft, der Ausbeutung 
einer Mehrheit durch eine Minderheit war, so ist die Psychoanalyse 
der Ausdruck des Bewusstwerdens der gesellschaftlichen Sexualunter- 
drückung. Dies ist der hauptsächliche gesellschaftliche Sinn der 
Freud sehen Psychoanalyse. Doch es besteht ein wesentlicher Unter- 
schied. Während die eine Klasse ausbeutet, die andere ausgebeutet 
wird, ist die Sexualverdrängung eine beide Klassen umfassende Er- 
scheinung. Historisch, vom Standpunkt der Menschheitsgeschichte, 
ist sie sogar älter als die Ausbeutung einer Klasse durch die andere. 
Sie ist aber nicht in beiden Klassen quantitativ gleich. Zur Zeit der 
ersten Differenzierung des Proletariats, in den Anfängen des Kapi- 
talismus, hat es, nach den Berichten von Marx im »Kapital« und 
von Engels in »Die Lage der arbeitenden Klasse in England« zu 
urteilen, so gut wie keinerlei Einschränkung oder Verdrängung der 
Sexualität im Proletariat gegeben^*'). Die Sexualform des Proletariats 
war nur gekennzeichnet und beeinfiusst durch seine desolate soziale 
Lage wie etwa noch heute die des »Lumpenproletariats«. Aber im 
Laufe der kapitalistischen Entwicklung, als die herrschende Klasse, 
soweit es ihr eigenes Dasein und ihr Profitinteresse erforderte, sozial- 
politische Massnahmen ergriff und »Fürsorge« zu treiben begann, 
setzte eine heute immer mehr im Ansteigen begriffene ideologische 
Verbürgerlichung des Proletariats ein. Dadurch verschob sich die 
Wirkung der Sexualverdrängung auch ins Proletariat, ohne hier jedoch 
je solche Dimensionen erreicht zu haben wie etwa im Kleinbürger- 
tum, das päpstlicher als der Papst wurde und das moralische Ideal 



60) (1934) Diese Formulierung bedarf einer Korrektur. Die Sexualverdrängung 
fehlte nicht beim Proletariat, sondern war Dur wegen der verschiedenen ge- 
sellschaftlichen Lage anders gegeben. Auch darüber wissen wir noch zu wenig. 
Das proletarische Kind erfährt grosse sexuelle Freiheit bei gleichzeitiger streng- 
ster Sexual Unterdrückung. Das schafft eine besondere Struktur, die sich etwa 
von der kleinbürgeriichen grundsätzlich unterscheidet. 

42 



^. 






seines Vorbildes, des Grossbürgertums, strenger befolgt als dieses 
selbst, das seit langem bereits seine Moral im Innern liquidiert. 

Mit der Frage der Stellung des Bürgertums zur Sexualverdriingung 
bzw. zu deren Aufhebung, hängt auch das Schicksal der Psychoanalyse 
in der bürgerlichen Gesellschaft zusammen. 

Zu 2. Die Frage ist: Kann das Bürgertum die Psycho- 
analyse auf die Dauer ertragen, ohne Schaden zu 
nehmen? Vorausgesetzt natürlich, dass ihre Erkenntnisse und For- 
mulierungen nicht verwässert werden und dass allmählich, ohne dass 
es ihren Vertretern zu Bewusstsein kommt, ihr Sinn verflacht. 

Der Schöpfer der Psychoanalyse selbst hat ihr für die Zukunft 
nichts Gutes prophezeit. Er meinte, dass die Welt seine Entdeckungen 
in irgendeiner Form austilgen werde, weii sie sie nicht ertragen könne. 
Er dachte dabei offenbar nur an die eine Hälfte, die bürgerliche Klasse, 
das Proletariat weiss noch nichts von der Psychoanalyse, hat sie 
noch nicht zur Kenntnis genommen. Während wir noch nicht wissen 
können, wie sich das Proletariat zur Psychoanalyse stellen wird, haben 
wir genügend Zeichen, um die Einstellung der bürgerlichen Welt 

zu studieren^O- 

Dass die Psychoanalyse abgelehnt wird, hängt mit der gcscll- 
schafthchen Bedeutung der Sexualverdrängung unmittelbar zusammen. 
Aber was macht die bürgerliche Welt aus der Psychoanalyse, sofern 
sie sie nicht verdammt? Da ist auf der einen Seite die Wissenschaft, 
vor allem die Psychologie und die Psychiatrie, auf der andern das 
Laienpublikum. Von beiden gilt, was Freud einmal in scherz- 
hafter Weise als Zweifel ausgedrückt hat; Es sei fraglich, meinte er, 
ob man die Psychoanalyse akzeptiere, um sie zu erhalten oder um 
sie zu zerstören. 

Wenn man der Psychoanalyse in den Händen, besser den Köpfen 
von nicht wirklich analytisch Ausgebildeten begegnet, erkennt man 
in ihr das Werk Freuds nicht wieder; die Sache luit der Sexualität 
stimme ja, aber die Übertreibungen . . . und wo bleibt das Ethische 
im Menschen? Analyse sei ja sehr richtig, aber . . . Synthese sei 
nicht weniger notwendig. Und gar als Freud auf seiner Sexual- 
theorie die Icbpsychologie aufzubauen begann, da ging ein hörbares 
Aufatmen durch die wissenschaftliche Welt: Endlicli beginne Freud 
seine Absurditäten einzuschränken, endlich komme auch das »Höhere« 
im Menschen zu Wort, und überhaupt die Moral . . . Und es dauerte 
nicht lange, bis man nur mehr von Ichidealen reden hörte und die 



S7) (1934) Die Entwicklung seither liess keinen Zweifel darüber, dass der unver- 
bildete Arbeiter den Entdeckungen der Psychoanalyse von vorneherein ein 
natürliches Verständnis entgc genbringt, im Gegensätze zum aufgestiegenen 
Funktionär; man darf die psjehoanalytischen Erkenntnisse nur nicht in psa. 
Terminologie vermitteln, sondern muss aus dem Geschlechtsleben der Masse 
die Tatbestände klar herausheben. Die deutsche Sex-Pol-Bewegung, die rasch 
um sich griff, bezeugte die politische Kraft der naturwisscnschaftlichca Sexual- 
theorie. Vgl, hierzu die Geschichte der Sexpol-Bewegung in der Z. f. p. P. u. S. 
1934. 

43 



. 



r 



b 



Sexualität, wie die stereotype Ausrede lautet, »selbstverständlich 
vorausgesetzt« wurde. Man sprach von einer neuen Ära der Psycho- 
analyse, von einer Renaissance . . . die Psychoanalyse wurde mit 
einem Worte gesellschaftsfähig^^). 

Nicht weniger trostlos, nur noch widerlicher, sieht es im breiten 
Publikum aus. Unter dem Drucke der bürgerlichen Sexualmoral hat 
man sich der Psychoanalyse als einer die Lüsternheit befriedigenden 
Modeangelegenheit bemächtigt, man analysiert einander die Kom- 
plexe, spricht in den Salons beim Fünf-Uhr-Tee von den Traum- 
symbolen, streitet ohne die geringste Sachkenntnis und nur, weil es 
sich um Sexualität handelt, für und wider die Analyse, der eine ist. 
begeistert von der grossartigen »Hypothese«, der andere, kein ge- 
ringerer Ignorant, is.t überzeugt, dass Freud ein Scharlatan ist und 
seine Theorie eine Seifenblase, und überhaupt diese »einseitige Über- 
schätzung der Sexualität, als ob es nichts anderes, .Höheres' gäbe«, 
und dabei spricht der »Kritiker« über nichts anderes als über Sexuali- 
tät. In Amerika bilden sich ganze Vereine und Diskussionsklubs für 
Psychoanalyse, die Konjunktur ist gut, sie muss ausgenützt werden, 
man lebt seine unbefriedigte Sexualität aus und verdient ausserdem 
mit einer Mache, die sich Psychoanalyse zu nennen wagt, viel Geld. 
»Psychoanalyse« ist ein gutes Geschäft geworden. So sieht es ausser- 
halb der Psychoanalyse aus. 

Und innerhalb? Eine Abfallbewegung nach der anderen, die For- 
scher halten dem Druck der Sexualverdrängung nicht stand. Jung- 
stellt die ganze analytische Theorie auf den Kopf und macht daraus 
eine Religion, in der van Sexualität keine Rede mehr ist^^). Ebenso 
führt die Sexualverdrängung bei Adler zur These, die Sexualität 
sei nur eine Erscheinungsform des Willens zur Macht, damit zur 
Abkehr von der Psychoanalyse und zur Gründung einer ethischen 
Gemeinde. Rank, früher einer der begabtesten Schüler Freuds, 
gelangt dadurch, dass er den Libidobegriff ichpsychologisch verwäs- 
sert, zu seiner Mutterleibs- und Geburtstrauraatheorie und leugnet 
schliesslich die wesentlichsten analytischen Erkenntnisse ab. Immer 
wieder wirkt sich die Sexual Verdrängung gegen die Psychoanalyse 



•fß) (1934) Dies hestätigtc sich seither in tragischer Weise durch fortschreitende 
Prelsflabc der Scxual-Theorie (Adler, Jung); dieser Tatbestand verdient gründ- 
liehe Darstellung, Preisgabe der Sexualtheorie auch innerhalb der Psycho- 
analyse. 

B5) (1934) Jung trat erst kürzlich als Sachwalter des Fascismus innerhalb der- 
Psychoanalyse auf. Die Int. Psa. Vereinigung hat keine Ahnung von der 
gesellschaftlich-Itulturellen Bedeutung und Herkunft dieser Vorgänge. Sie wehrt 
sich vielmehr gegen deren Aufdeckung. Es lässt sich zeigen, dass sämtliche 
Abfallsbewcgungen innerhalb der Psychoanalyse das gemeinsame Merkmal 
haben, dass sie an dem Widerspruch zwischen analytischer Sexualtheorie und 
bürgerlicher Dascinsweise der Analytiker ansetzen. Sei es, dass es um Fragen 
der analytischen Therapie geht (Rank, Stekcl), oder um Auffassungen in der 
Theorie (Adler, Jung) ; dieser Tatbestand verdient gründliche Darstellung, 
weil er wie nichts anderes die gesellschaftliche Bedeutung der Psychoanalyse- 
enthüllt. 

44 



r 



I 



aus. Auch sonst kann man im psychoanalytischen Kreise selbst die 
gesellschaftliche und ökonomische Gebundenheit in ihrer mildernden, 
abschwächenden, Kompromisse bildenden Arbeit sehen. Nach dem 
Erscheinen von »Das Ich und das Es« ist jahrelang von der Lihida 
kaum die Rede, man versucht, die ganze Neurosenlehre auf die Ich- 
Termini umzumünzen, man verkündet, dass erst die Entdeckung des 
unbewussten Schuldgefühls die Grosstat Freuds sei, man sei erst 
jetzt zum Eigentlichen und Wesentlichen vorgedrungen. 

In der Neurosentherapie, wo es sich um die praktische Anwendung 
einer durchaus revolutionären Theorie auf den Menschen in der kapi- 
talistischen Gesellschaft handelt, tritt die Neigung zum Kompromiss 
und zur Kapitulation vor der bürgerlichen Sexualmoral am deut- 
lichsten in Erscheinung. Das gesellschaftliche Dasein des Analytikers 
verbietet, ja macht es ihm unmöglich, die Unvereinbarkeit der heutigen 
Sexualmoral, der Ehe, der bürgerlichen Familie, der bürgerlichen 
Erziehung mit der radikalen psychoanalytischen Therapie der Neu- 
rosen in der öffentlichkeit auszusprechen. Obwohl auf der einen Seite 
zugegeben wird, dass die familiären Verhältnisse trostlos sind, dass 
die Umgebung des Kranken gewöhnlich das grösste Hindernis seiner 
Gesundung ist, scheut man sieh ; — begreiflich er wäse — , die Konse- 
quenz aus dieser Feststellung zu ziehen. So kommt es auch, dass man 
unter Realitätsprinzip und unter Realitätsanpassung nicht Realitäts- 
tüchtigkeit, sondern vielfach völlige Unterwerfung unter die gleichen 
gesellschaftlichen Forderungen versteht, die die Neurose erzeugt haben. 
Dass das der praktischen Anwendung der Psychoanalyse auf die 
Neurosenheilung abträglich ist, liegt auf der Hand. 

So würgt die momentane kapitalistische Daseinsweise der Psycho- 
analyse sie von aussen und von innen ab. Freud behält Recht: 
Seine Wissenschaft geht unter — wir fügen aber hinzu: in der bür- 
gerlichen Gesellschaft; wenn sie sich ihr nicht anpasst, sicher, 
wenn sie sich ihr aber anpasst, dann erleidet sie den gleichen Tod, 
den der Marxismus bei den reformistischen Sozialisten erleidet, näm- 
lich den Tod durch Verflachung, vor allem durch Vernachlässigung 
der Libidotheorie. Die offizielle Wissenschaft wird nach wie vor nichts 
von ihr wissen wollen, weil sie sie in ihrer klassenmässigen Gebunden- 
heit nicht akzeptieren darf. Die hinsichtlich der Ausbreitung der 
Analyse optimistischen Analytiker irren gewaltig. Diese Ausbreitung 
gerade ist Zeichen ihres beginnenden Unterganges. 

Da die Psychoanalyse, unverwässert angewendet, die bürgerlichen 
Ideologien untergräbt, da ferner die sozialistische Ökonomie die Grund- 
lage der freien Entfaltung des Intellekts und der Sexualität bildet, 
hat die Psychoanalyse eine Zukunft nur im Sozialismus""). 



60) (1934) In der Sowjetunion konnte sich die Psychoanalyse nicht entfalten. Sie 
hegegnete dort den gleichen Schwierigkeiten wie in den Itürgcrlichen Ländern, 
mit dem einen, sehr wichtigen Unterschied, dass Analytiker als Einzelper- 
sonen wichtige Funktionen bekleiden. Doch gesellschaftlich blieb sie uacnt- 

4S 



1 



Zu 3. Wir haben gesehen: Die Psychoanalyse kann aus sich heraus 
keine Weltanschauung entwickeln, kann also auch keine Weltan- 
■schauung ersetzen; aber sie bringt eine Umwertung der Werte mit 
sich, sie zerstört in ihrer praktischen Anwendung beim einzelnen 
die Religion, die bürgerlichen Sexuafideologien und befreit die Sexuali- 
tät. Das sind aber gerade die ideologischen Funktionen des Marxismus. 
Dieser stür2t die alten Werte durch die ökonomische Revolution und 
die materialistische Weltanschauung; die Psychoanalyse tut das 
Gleiche, oder könnte das Gleiche tun, psychologisch. Aber da sie in 
der bürgerlichen Gesellschaft gesellschaftlich wirkungslos bleiben 
muss, kann sie diese Wirkung erst nach vollzogener so- 
zialer Revolution erzielen. Manche Analytiker glauben, dass 
sie auf dem Wege der Evolution die Welt umgestalten und die soziale 
Revolution ersetzen kann. Das ist eine Utopie, die auf völliger Un- 
kenntnis des wirtschaftlichen und politischen Seins basiert*"-). 

Die künftige gesellschaftliche Bedeutung der Psychoanalyse scheint 
auf drei Gebieten, zu liegen: 

1. Auf dem der Erforschung der Urgeschichte der 
Menschheit als Hilfswissenschaft im Rahmen des historischen 
Materialismus. Die Urgeschichte, in den Mythen, folkloristischen 
Gebräuchen und den Sitten der heute lebenden Primitiven kondensiert, 
ist der Marxschen Gesellschaftslehre methodologisch nicht zugänglich. 
Erfolgreich kann diese Arbeit aber nur werden, wenn die soziologische 
und ökonomische Durchbildung der Analytiker eine sehr gründliche 
sein und die individualistische und idealistische Auffassung der ge- 
sellschaftlichen Entwicklung aufgegeben werden wird. 

2. Auf dem Gebiete der seelischen Hygiene, die sich, nur 
auf der Basis einer sozialistischen Wirtschaft entwickeln lässt. Auf 
der Grundlage einer geordneten Wirtschaft kann auch'der Anspruch 



wickelt. Das liegt sehr wahrscheinlich daran, dass die Führer der SU den 
Widerspruch nicht oder noch nicht erkannten, in dem sich die Sexual- und 
Kulturrevolution dort hefindet. Dieses Problemgebiet ist so umfassend und 
reich an Problematik, duss hier nicht mehr gesagt werden kann, so hrenncnd 
das Problem auch ist. Wenn Stalin, wie ich hörte, zugah, dass die Planie- 
rung des Menschen im Gegensatze zur Wirtschaft nicht als gelungen bezeichnet 

* werden kann, so ist das nach allem, was aus unserer Erkenntnis folgt, auf die 
ausgebliebene sexuelle Umstrukturierung der Menschen zurückzuführen. Ich 
weiss, welche Entrüstung diese Behauptung erwecken wird, kann aber jetzt 
nicht mehr tun, als auf eine gründliche Untersuchung dieses Problems vertrö- 
sten, die hoffentlich in nicht allzuferner Zeit reif genug sein wird, der Öffent- 
lichkeit vorgelegt zu werden. 

<|J) (1934) Die Auffassung, dass die Psychoanalyse ihre Wirkung als gesellschaft- 
liche Kraft erst nach vollzogener Revolution entfalten könne, war eine kurz- 
sichtige Konzession an den ultralinken ökonomistischcn Marxismus. Die Er- 
fahrungen in Deutschland, im besonderen die prompte Reaktion der Jugend 
aller Kreise auf die ersten sexualpolitischen Versuche, das Privatleben zu 
politisieren, lehrten, dass die raassenpsychologische Auflockerung der Wider- 
sprüche zwischen sexuellen Bedürfnissen und moralischen Hemmungeo zu 
einem wichtigen, kulturpolitisch zentralen Hebel der revolutionären Arbeit 
wird. Vgl. die Darstellung der sexualpolitischen Problematik in »Massenpsy- 
ehologie des Faschismus«. 

46 



r 



auf eine geordnete Libid oö kon omie im seelischen Haushalt zur 
Geltung kommen, was in den bürgerlichen Lebensformen für die Masse 
ganz ausgeschlossen ist und sonst nur für einzelne Individuen in 
Betracht kommt. Die individuelle Therapie der Neurosen fände erst 
hier den ihr entsprechenden Wirkungsbereich^-). 

3. Auf dem Gebiete der Erziehung als psychologische Grund- 
lage der sozialistischen Erziehung überhaupt. Wegen ihrer Er- 
kenntnisse über die seelische Entwicklung des Kindes muss sie hier 
als unentbehrlich bezeichnet werden. Als Hilfswissenschaft der Päda- 
gogik ist sie in der bürgerlichen Gesellschaft zur Unfruchtbarkeit, 
wenn nicht zu Schlimmerem verurteilt. Da man in dieser Gesellschaft 
nur für sie erziehen kann, weil eine Erziehung für eine andere in 
ihr praktisch illusorisch bleibt, kann die psychoanalytische Pädagogik 
vor der sozialen Revolution nur im Sinne der bürgerlichen Gesell- 
schaft angewendet werden. Die ijsychoanalytischcn Pädagogen, die in 
dieser Gesellschaft es unternehmen, sie zu verändern, dürften aber 
mit der Zeit ein Schicksal erreichen, ähnfich dem des Pfarrers, der 
einen sterbenden gottlosen Versicherungsagenten besuchte, um ihn 
zu bekehren, aber nur selbst versichert wegging. Die Gesellschaft ist 
stärker als die Bestrebung einzelner ihrer Mitglieder. 



82) (1934) Die Erforschung menschlicher Stiukturhildung hat in den letzten 
Jahren immer grossere Bedeutung gewonnen. Ohne sie ist eine ernsthafte 
naturwissenschaftliche Erfassung der Neuroseuprophylaxe, der Hntwurzclung 
des religiösen Empfindens, einer planmässigen. Gestaltung der Produktivkraft 
Arbeitskraft und eine bewusste Bewältigung der sti-ukturellen Verankerung 
des sozialistischen Wirtschaftssystems nieht möglich. 



Was ist Klassenbewussfsein? 

Ein Beiirag zur Neuformierung der Arbeiterbewegung 

Die »Baseler Arbeiterzeitung«, schreibt: 
»Die vorliegende Schrift ist ein Mahnruf und ein 
Aufruf. Ausgehend von der Tatsache, dass von den 
40 Millionen Deutschen nur eine verschwindende Zahl 
durch die ohne Untersuchung am 30. Juni Hingerich- 
teten wirklich erschüttert worden ist, ruft (sie) zur 
Aufweckung des Klassenbewusstseins der Arbeiter- 
schaft aller Länder auf, und zwar ohne Verzug.« 

(Nr. 228, V, 29. 9. 34). 



Umfang 72 Seilen 



Preis: Dan. Kr. 1.30 




n 



ZurAnwendungderPsychoanalyseinderGeschichfsforschung*) 

Die Erforschung der psychischen Strukturhildung ist die Aufgabe 
■der naturwissenschaftlichen Psychologie. Als solclie kann nur eine 
Psychologie in Frage kommen, die über die notwendigen Methoden 
verfügt, die Dynamik und Oekonomik des psychischen Prozesses zu 
erfassen und darzustellen. In meiner Arbeit über die Beziehungen der 
Psychoanalyse zum dialektischen Materialismus^) versuchte ich nach- 
zuweisen, dass die Psychoanalyse der Keim ist, aus dem eine dialek- 
tisch-materialistische Psychologie zu entwickeln ist. Da die bürger- 
liche Weltanschauung der Naturwissenschaftler in ihre eigenen 
Disziplinen Verzerrungen und falsche Grundanschauungen hinein- 
zutragen pflegt, steht am Eingang jedes Versuchs einer dialektisch- 
materialistischen Psychologie, die methodologische Kritik. Ich lehnte 
dort die Möglichkeit ab, aus der Psychoanalyse eine Soziologie abzu- 
leiten, weil die Methode der Psychologie, auf die Tatbestände des Ge- 
sellschaftsprozesses angewandt, unweigerlich zu metaphysischen und 
idealistischen Ergebnissen führen muss und in der Tat auch geführt 
hat. Das hatte mir schwere Angriffe von Seiten der *wilde Soziologie« 
betreihenden Psychoanalytiker eingetragen. So klar mir damals war, 
dass keine psychologische Methode bei soziologischen Problemen an- 
gewendet werden kann, so sicher stand auf der anderen Seite fest, 
dass die Soziologie auf die Psychologie nicht verzichten kann, sobald 
es sich um Fragen der sogenannten »subjektiven Tätigkeit« des Men- 
schen und der Ideologiebildung handelt. Als ich schliesslich eine vor- 
läufige Formel fand, die versuchte, der Psychoanalyse ihren Platz in 
der Soziologie anzuweisen, wurde ich von Sapir") mit dem Vorwurt 
angegriffen, ich hätte mir selbst widersprochen; da ich nämlich 
selbst die Anwendung der Psychoanalyse in der Soziologie leugnete, 
ihr aber doch andererseits einen bestimmten Platz anwies, war es 
nicht schwer, einen solchen Vorwurf zu erheben. Meine Kritiker hat- 
ten es freilich leichter als ich. Die einen brauten unbekümmert weiter 
ihre »psychoanalytische Soziologie«, die schliesslich vor kurzem in 
der These Triumphe feierte, dass die Existenz der Polizei aus dem 



■) Dieser Artikel erschien bereits im Heft I der »Zeitschrift für politische Psycho- 
logie und Sexuale konomie, Verlag f. Sexualpolitik 1934, Kopenhagen. 

1) Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse. (Unter dem Banner des Marx- 
ismus, 1929.) 

2) Sapir: Freudismus, Soziologie, Psychologie. (U. d. Banner d. Marx. 1929, 1930). 

48 



y 



r 



straf bedürfnis der Massen zu erklären sei*). Die anderen erledigten 
das ganze schwierige Problem mit der einfachen von keiner grossen 
Mühe und Bereitschaft, Probleme zu klären, zeugenden These, die 
Psychoanalyse sei eine »idealistische« DiszipHn und man tue am 
besten daran, sich einfach nicht darum zu bekümmern. Manche Kri- 
tiker, wie etwa Sapir, gerieten z^var mit sich selbst in Widerspruch, 
wenn sie gleichzeitig mit dieser Behauptung zugeben musslen, dass 
die Psychoanalyse eine Reihe von grundlegenden Entdeckungen ge- 
macht, dass sie die beste Sexualtheorie gebildet, das Unbewusste und 
die Sexual Verdrängung und derart den psychischen Prozess entdeckt 
habe etc. Auf meine Frage, wie es möglich sei, dass eine idealistische 
Disziplin wichtige Entdeckungen machen könne, blieb man allerdings 
die Antwort schuldig. 

Die bisherige Diskussion um die soziologische Bedeutung der 
Psychoanalyse ist gekennzeichnet durch das Gegenübergestelltsein 
zweier Meinungen; der einen, dass die Psychoanalyse als Individual- 
psychologie Gesellschaftliches nicht erklären könne, und der anderen, 
dass sie nicht nur Individualpsychologie sondern auch Sozialpsycho- 
logie und daher sehr wohl für gesellschaftliche Tatbestände koriipc- 
tent sei. Es muss vermerkt werden, dass die Diskussion sich um 
Worte drehte, ohne dass der Versuch gemacht wurde, die Behauptun- 
gen an realen Tatbeständen zu überprüfen. Als ich 1929 die An- 
wendung der psa. Methode auf Gesellschaftliches ablehnte, stützte 
ich mich auf die bis dahin von psychoanalytischer Seite erfolgten An- 
wendungen der psa. Methode in der Soziologie, die den marxschen 
strikte widersprachen und sich als falsch erwiesen. Dass die Psy- 
choanalyse in der Soziologie ein gewichtiges Wort mitzureden hat, 
war ja klar, die Frage war nur, wie man die Absurditäten, die sich 
bisher ergeben hatten, vermeiden konnte, welchen Weg man einschla- 
gen musste, um die Schätze zu heben, die zwar sichtbar, aber vorläu- 
fig unzugänglich waren. Ich hatte zwar im »Banner« die Anwendung 
der psychoanalytischen Methode in der Soziologie abgelehnt, aber 
gleichzeitig eine vorläufige Formulierung getroffen, die veranlasste, 
dass mir Sapir Inkonsequenz vorwarf. Ich schrieb: 

»Diese Erwägungen gestatten aber die Annahme, dass die Psychoanalyse kraft 
ihrer Methode, die triebhaften Wurzeln der gesell seh aftlichen Tätigkeil des Indi- 
viduums aufzudecken und kraft ihrer djalektisehen Trieblehre berufen ist, die 
psychische Auswirkung der Produktionsverhältnisse im Individuum, das heisst 
die Bildung der Ideologien »im Menschenkopfe«, im Detail zu klären. Zwischen 
die beiden Endpunkte; ökonomische Struktur der Gesellschaft und ideologischer 
Ueberbau, deren Kausalbczichung die materialistische Geschichtsauffassung im 
allgemeinen erfasst hat, schaltet die psychoanalytische Erfassung der Psychologie 
des vergesellschafteten Menschen eine Reihe von ZwischcngHcdern ein. Sic kann 
zeigen, dass die ökonomische Struktur der Gesellschaft sich »im Kopfe des Men- 
schen« nicht unmittelbar in Ideologien umsetzt, sondern dass das Nahrungsbedürf- 
n^s von den jeweiligen ökonomischen Verhältnissen in seinen Aeusserungsformcn 

1) S. Laforgue: Psychoanalyse der Politik. (»Psychoanalytische Bewegung«, 1931.) 
Diese Arbeit wurde bereits von Fenichel einer methodologischen und inhalt- 
lichen Kritik unterworfen. {» Psycho an alyt. Bewegung« 1932.) 

49 



:t\-> 






abhängig, die Fuiiktiuueii der weit plastischeren Sexualcncigic abändernd beein- 
flusst, und dass diese gesellschaftliche Einwirkung auf die Sexualhedürfnisse ^ 
durch Kinschrätikung ihrer Ziele immer neue Produktivkräfte iu Form subli- 
miertür Libido in den gesellschaftlichen Arbeitsprozess überführt. Teils direkt jj 
in Form von Arbeitskraft, teils indirekt in Form von höher entwickelten Ergeb- 
nissen der Sexualsublimierung. wie etwa dei- Religion, der Moral im allgemeinen, 
der Geschlechtsmoral im besonderen, der Wissenschaft usw.; das bedeutet eine 
sinnvolle Kinoi'dnung der Psychoanalyse in die materialistische Geschichtsauffas- ] 
sung an einem ganz bestimmten, ihr adaequaten Punkte: oäralich dort, wo dj& | 
psychologischen Probleme beginnen, die der Marxsche Satz aufdeckt, dass die 
materielle Daseinsweise sich im Kopfe des Menschen in Ideen umsetzt. Der Libido- 
proücs.s in der gesellschaftliclicn Entwicklung ist also sekundär, von ihr abhängig, 
wenn er auch selbst entscheirlend in sie eingreift, indem die sublimierle Libido als 
Arbeitskraft zur Produktivkraft wird.«') 

Ich hätte heute manches klarer formuIiereQ können, halte auch.'! 
die Religion und Moral nicht als Tnehsubliinieningen hingestellt. Da- 
mals schwebte mir der einfache Tatbestand vor, den ich seither in 
weit höherem Masse einzuschätzen verstand, dass etwa die psychi- j 
sehe Struktur einer christlichen Arbeiterin, die dem Zentrum oder 
dem Faschismus anhängt und durch keinerlei Bemühung üblicher 
Art von ihrer politischen Richtung abzubringen ist, von bestimmter 
Art sein muss, die sich von der psychischen Struktur einer kommu- 
nistischen Arbeiterin unterscheidet. Dass also etwa ihre materielle 
und autoritäre Abhängigkeit von den Eltern in der Kindheit und dem 
Gatten in der Erwachsenheit sie zwang, ihre sexuellen Ansprüche zu \ 
verdrängen, wodurch sie der leicht nachweisbaren charakterlichen 
Aengstlichkeit und Sexuaischeu verfiel, die sie unfähig machte, die 
kommunistische Parole von der Selbstbestimmung der Frau über- 
haupt zu begreifen; dass ferner eine ein gewisses Mass überschrei- 
tende oder in bestimmten Formen hergestellte Sexual Verdrängung an \ 
die Kirche und die bürgerliche Ordnung fest bindet und kritikun- 
fähig macht. Die Bedeutung dieser Frage ergibt sich nicht allein aus 
der Tatsache, dass es Millionen solcher Frauen gibt, sondern weit 
mehr noch aus der unausweichlichen Feststellung, dass solches Den- . | 
ken nicht etwa auf »Verdummung« oder »Vernebelung« beruht, son- 
dern auf gründlicher Abänderung der menschlichen Struktur im Sinne 
der herrschenden Ordnung. Angesichts der praktischen Tragweite die- 
ser und ähnlicher Fragen der Massenpsychologie konnte ich dem 
Drängen marxistischer Freunde, auf die Kritik Sapirs sogleich theo- 
retisch zu antworten, nicht nachgeben^). Theoretische Diskussionen 
pflegen unfruchtbar zu werden, wenn man sie nicht auf den Boden 
konkreter praktischer Fragen stellt. Man musste an Hand einzelner 
Fragen der politischen Bewegung die Entscheidung über die Bedeu- ] 
tung der Psychoanalyse für den Klassenkampf erzwingen. In der Tat 
erwies sich dieser Weg als der fruchtbarere, sowohl hinsichtlich der 
Kritik der metaphysischen Theorien in der Psychoanalyse als auch 



1) I. c. S. 763. 

2) Sapir ist mittlerweile, wie ich horte, in der S. U. nicht mehr kompetent, w^it 
er Deborinschülcr, also Idealist war. 

50 



hinsichtlich der theoretischen Einordnung der Psychoanalyse in die 
marxisüsche Geschichtsforschung^) . 

Diese Einordnung musste von der klaren Erkenntnis ausgehen, 
dass soziologische Fragen nicht mit psychologischer Methode anzu- 
greifen sind. Sie konnte aber gleichzeitig in vollem Umfange die Mög- 
lichkeit eröffnen, die marxistische Forschung in der Geschichte und 
Politik durch Einbeziehung der Erkenntnisse der Psychoanalyse 
(nicht ihrer Methode) auf gewissen Gebieten, wie dem der Ideologie- 
hildung, der Rückwirkung der Ideologie etc., fruchtbarer zu gestalten. 
Das versperrt dem soziologisch ungebildeten Psychologen den Weg 
zur Soziologie und zwingt ihn, sich die Methode der Gescliichtsfor- 
schung anzueignen. Gleichzeitig zwingt es den Ocknnomisten, seinen 
Widerspruch zu erkennen, wenn er von K\a.&s.enbewus.stsein spricht. 

Wenn mir also heute Analytiker sagen, ich hätte meinen strengen 
Standpunkt in der Ausschliessung der Psychoanalyse aus der soziolo- 
gischen Forschung gemildert, weil ich selbst an Masseniihänomene 
mit psychoanalytischen »Gesichtspunkten« herantrete, so muss ich 
sie bitten, sich durch nochmalige Lektüre meiner Arbeit aus dem 
Jahre 1929 davon zu überzeugen, dass dies nicht der Fall ist. Ich 
schrieb dort: 

»Der eigentliche Gegenstand der Psychoanalyse ist das Seelenleben des ver- 
gesellschaftelen Menschen. Das der Masse kommt für sie nur insofern in Be- 
tracht als individuelle Phänomene in der Masse in Erscheinunf- treten (cUva 
das p'rohlem des Führers), ferner soweit sie Erscheinungen der »Massenseele«, 
wie Angst Panik, Gehorsam usw. aus ihren Erfahrungen am Einzelnen klaren 
kann. Aber es scheint, als ob ihr das Phänomen des Klassenbcwiisstseins kaum 
zugänglich wäre, und Probleme, wie das der Massenbewegung, der Politik des 
Streiks die der Gesellschaftsichre angehören, können nicht Objekte ihrer Methode 
sein. Sie kann also auch die Gesellschaftslehie nicht ersetzen, noch aus sich 
heraus eine Gesellschaflslehre entwickeln.« 

Es wird nach den bisherigen Erörterungen klar geworden sein, 
dass diese Sätze voll zu Recht bestehen und nur noch einige Präzision 
erfahren. Nach wie vor können wir gesellschaftliche Phänomene nicht 
psychoanalytisch deuten, das heisst, sie können nicht Objekt der 
psychoanalytischen Methode sein. Die Frage des Klassenbewusstseins 

war damals unklar, es hiess deshalb, »es scheint, als oh «. Heute 

können bereits bestimmtere Formulierungen getroffen werden. 

Es zeigte sich im Verlaufe der weiteren Erfahrungen, was in der 
Bannerarbeit nur angedeutet war, dass die erste Voraussetzung einer 
psychologischen Erfassung des Klassenbewusstseins-Problems die 
scharfe Unterscheidung zwischen seiner objektiven und seiner sub- 
jektiven Seite ist. Es zeigte sich ferner, dass die positiven Elemente 
und Triebkräfte des Klassenbewusstseins nicht psychoanalytisch deut- 
bar, dagegen die Hemmungen seiner Entwicklung nur psychoanaly- 
tisch zu verstehen sind, weil sie irrationalen Quellen entstammen. 

1) Vgl. hierzu »Massenpsychologie des Faschismus«. (Verlaß f- Scxualpolitik, 
1933.) 

51 



l 



Meine Kritiker waren und sind oft vorschnell in ihren Urteilen; 
wenn die Wissenschaft ein neues Feld betritt, wird sie zuerst viele 
alte Auffassungen zunächst beseiteschieben müssen, um vorausset- 
zungslos die Dinge erst mal neu anzusehen. Sie wird bei ihren ersten 
Formulierungen gewiss auch den einen und anderen Punkt falsch 
darstellen oder formulieren. Um also eine korrekte marxistische Psy- 
chologie zu entwickeln, musste man zuerst mit der Anwendung der 
psa. Deu/ung'stechnik auf soziologischem Gebiet Schluss machen; erst 
nachher konnte man entscheiden, was an Rationalem und wieviel an 
Irrationalem in der Problematik des Klassenbewusstseins enthalten 
ist, das heisst wieviel Raum man der Deutung irrationaler Phänomene 
geben konnte. Wenn ich, um ein Beispiel zu nennen, den revolutionä- 
ren Willen als Rebellion gegen den Va'ter deute, in jedem Falle, auch 
in der soziologischen Sphäre, gerate ich in die Ideologie der politischen 
Reaktion; wenn ich aber konkret untersuche, inwieweit der revolu- 
tionäre Wille einer rationalen Situation entspricht, inwiefern der 
Mangel solchen Willens irrational ist, wo revolutionärer Wille wirk- 
lich einer unbewussten Rebellion gegen den Vater entspricht etc., 
dann habe ich die bürgerliche »voraussetzungslose« Wissenschaft ad 
absurdum geführt, selbst echte wissenschaftliche Arbeit geleistet und 
dadurch der Arbeiterbewegung einen Dienst geleistet und nicht der 
politischen Reaktion; denn marxistische Wissenschaft ist nichts 
anderes als die unbestechliche Aufdeckung von realen Zusammen- 
hängen. 

Klarheit über die Methodologie bei der Einordnung der Psychoana- 
lyse in die Geschichtsforschung ist von entscheidender Bedeutung 
für das Ergebnis jeder Untersuchung. Es ist daher wichtig, sich mit 
der Kritik Fromms näher zu befassen, die er in seiner Arbeit »Ueber 
Methode und Aufgaben einer analytischen Sozialpsychologie*) an mei- 
ner früher zitierten Formulierung in der Arbeit »Dialektischer Ma- 
terialismus und Psychoanalyse« übte. Fromm schreibt: 

»Es muss der Versuch unternommen werden, mit den Mitteln der 
Psychoanalyse den geheimen Sinn und Grund der im gesellschaft- 
lichen Leben so auffälligen irrationalen Verhattungsw eisen, wie sie 
sich in der Religion und in Volksbräuchen, aber auch in der Politik 

und Erziehung äussern, zu finden Wenn sie (die Psychoanalyse) 

im Triebleben, im Unbewussten, den Schlüssel zum Verständnis 
menschlichen Verhaltens gefunden hat, so muss sie auch berechtigt 
und imstande sein, wesentliches über die Hintergründe gesellschaft- 
lichen Verhaltens auszusagen. Denn auch die , Gesellschaft' besteht 
aus einzelnen lebendigen Individuen, die keinen anderen psycholo- 
gischen Gesetzen unterliegen können als denen, die die Psychoanalyse 
im Individuum entdeckt hat. Es scheint uns deshalb auch unrichtig 
zu sein, wenn man, wie W. Reich das tut, der Psychoanalyse das 



l 



1) Ztsch. f. Sozialforschung, 1932, H. 1—2. 

52 



Gebiet der Personalpsychologie reserviert und ihre Verwendbarkeit 
für gesellschaftliche Erscheinungen wie Politik, Klassenbewusstsein 
etc. grundsätzlich bestreitet. Die Tatsache, dass eine Erscheinung in, 
der Gesellschafts lehre behandelt wird, heisst keineswegs, dass sie nicht 
Objekt der Psychoanalyse sein kann (so wenig wie es richtig ist, dass 
ein Gegenstand, den man unter physikalischen Gesichtspunkten un- 
tersucht, nicht auch unter chemischen untersucht werden dürfe). Es 
bedeutet nur, dass sie nur, insoweit bei der Erscheinung psychische 
Tatsachen eine Rolle spielen, Objekt der Psychologie ist und speziell 
der Sozialpsychologie, die die gesellschaftlichen Hintergründe und 
Funktionen der psychischen Erscheinung festzustellen hat.« 

Leider hat Fromm nur meine Ausschliessungen zitiert, nicht aber 
auch meine eindeutigen Formulierungen über den Platz, den die 
Psychoanalyse in der soziologischen Forschung einzunehmen hat und 
einzig einnehmen kann; nämlich zu zeigen, wie sich das Materielle im 
Menschenkopfe in Ideelles umsetzt. Dass die Psychoanalyse und nur 
sie aHein die irrationalen Verhal tu ngs weisen wie etwa das religiöse 
und mystische jeder Art erklären kann, ist klar, weil nur sie die 
triebhaften Reaktionen des Unbewussten zu erforschen vermag. Das 
kann sie aber in richtiger Weise nur dann, wenn sie nicht bloss »die 
ökonomischen Faktoren« »mitberücksichtigt«, sondern sich ganz 
genau darüber Rechenschaft gibt, dass die unbewussten Strukturen, 
die derart irrational reagieren, seihst durch historische gesellscnaft- 
lich-ökonomische Prozesse zustandekamen, dass also auf keinen Fall 
die Begründung durch unbewusste Mechanismen den ökonomischen 
gegenübergestellt werden, sondern nur als Kräfte, die zwischen ge- 
sellschaftlichem Sein und menschlicher Reaktionsweise vermitteln, 
betrachtet werden können. Wenn aber Fromm darüber hinaus be- 
hauptet, dass die Psychoanalyse wesentliches über die »Hintergründe 
gesellschaftlichen« Verhaltens auszusagen vermag, weil die Gesell- 
schaft aus einzelnen Individuen besteht, so liegt eine Ungenauigkeit 
des Ausdrucks vor, die den Missbräuchen der Psychologie, die Fromm 
ausschalten will, neuerdings Tür und Tor öffnet. Sofern unter »ge- 
sellschaftlichem Verhalten« das Verhalten der Menschen im gesell- 
schaftlichen Leben verstanden ist, so ist eine Gegenüberstellung von 
personalem und gesellschaftlichem Verhalten ohne Sinn, denn ein 
anderes als gesellschaftliches Verhalten gibt es nicht. Auch das Ver- 
halten im Tagtraum ist gesellschaftliches Verhalten, sowohl durch 
gesellschaftliche Tatbestände bedingt als auch durch phantasierte 
Beziehungen zu Objekten gekennzeichnet. Wir müssen, um hier — 
hoffentlich endgültig — Klarheit zu schaffen, die Frommsche Kritik 
an der offiziellen psychoanalytischen Soziologie erweitern. Es geht 
nicht um minutiöse Feinheiten, sondern um ganz grobe Angelegen- 
heiten. Es gibt reichlich gesellschaftliches Verhalten der Menschen, 
bei dem das beschriebene und hei anderen Phänomenen so entschei- 
dende Zwischengeschaltetsein unbewusster Triebmechanismen bei der 

55 



menschlichen Aktion kaum eine Rolle spielt. Es kommt darauf an, 
dass das Verhalten etwa der Kleinsparer bei einem, Bankkrach oder die 
Rebellion der Bauern bei Getreidepreisstürzen nicht aus unbewuss- 
len libidinösen Motiven oder aus der Rebellion gegen den Vater er- 
klärt werden können. Es ist wichtig zu wissen, dass in solchen Fällen 
die Psychologie einzig über die Wirkungen auf das Verhalten, nichts 
über die Ursachen und Hintergründe desselben aussagen kann. Es 
kommt darauf an, dass der Kapitalismus nicht aus der anal-sadisti- 
schen Struktur der Menschen, sondern diese aus der Sexualordnung 
des Patriarchats zu erklären ist. Und die Gesellschaft besteht nicht 
nur aus einzelnen Menschen fdas wäre ein Haufe), sondern aus einer 
Vielheit von Individuen, die gerade durch die zwischen ihnen und 
auf sie wirkenden, von ihrem Willen und auch ihren Trieben völlig 
unabhängigen Produktionsverhältnisse in ihrem Leben und Denken 
bestimmt werden ; allerdings derart, dass die Produktionsverhält- 
nisse an den entscheidenden Punkten, wie etwa bei der ideologischen 
und strukturellen Reproduktion des ökonomischen Systems, die wir 
später behandeln werden, gerade die Triebstruktur verändern. Wenn 
wir also sagen, dass wir Hintergründe klären können, so kommt es 
darauf an, genau festzustellen, welche. Und das ist das Wesentliche, 
eigentlich das, was uns von den bekämpften Richtungen der geläufigen 
»Sozialpsychologien« unterscheidet, dass wir uns Rechenschaft über 
die Grenzen und Abhängigkeiten der Psychologie geben, dass wir 
wissen, nur die vermittelnden Zwischenglieder zwischen Basis und 
Ueberbau, nur den sich zwischen Natur und Mensch vollziehenden 
»Stoffwechselprozess« in seiner psychischen Repräsentanz klären 
können. Dass wir auf diese Weise dazu kommen, auch die Rückwir- 
kung der Ideologie auf die Basis vermittels der Struktur gewordenen 
Produktionsverhältnisse zu klären, ist ein entscheidend wichtiger Ne- 
bengewinn. Warum ist diese genaue Abgrenzung so ausserordentlich 
wichtig? Weil hier die Grenze läuft zwischen idealistischer und dia- 
lektisch-materialistischer Anwendung der Psychologie auf gesellschaft- 
lichem Gebiet. Die Früchte, die diese Anwendung verspricht, lohnen 
mühevollste und sorgfältigste Klarstellungen, die dahin zusammen- 
zufassen sind, dass wir über die Hintergründe menschlichen Verhal- 
lens, die im Aus serpsychischen liegen, über die ökonomischen Gesetze, 
die den gesellschaftlichen Prozess bestimmen, und die physiologi- 
schen, die die Triebapparatur beherrschen, eben nichts aussagen kön- 
nen, ohne sofort mit der Metaphysik Freundschaft zu schliessen. 

In einem weiteren Punkte, der sich unmittelbar an diese Unter- 
scheidungen anschliesst, muss ich sowohl Fromm wie anderen Freun- 
den meiner sonstigen Auffassungen widersprechen. Fromm vertritt 
den Standpunkt, dass meine Leugnung der Anwendung der psycho- 
analytischen Methode auf geseilscbaftliche Phänomene wie Streik 
etc. falsch sei. Von anderer befreundeter marxistischer Seite wurde 
mir entgegengehalten, dass man die psychoanalytische Methode doch 

54 



1 



auf gesellschaftliche Phänomene anwenden könne, weil sie in ihren 
Grundzügen eine dialektisch-materialistische sei. Fromm selbst 
meint, ich hätte in meinen soziologisch-empirischen Arbeiten 
meinen Standpunkt »erfreulicherweise« geändert. Dies ist nicht 
der Fall. Nach wie vor vermeide ich die Anwendung der 
psychoanalytischen Methode auf gesellschaftliche Tatbestände, 
und zwar aus folgendem Grunde, den ich hier zum ersten Male 
genau zu formulieren vermag. Es ist richtig: Mit der Methode des dia- 
lektischen Materiaiismus untersuchen wir gesellschaftliche Phäno- 
mene; es ist richtig; die Psychoanalyse ist eine dialektisch-mate- 
rialistische Methode der Untersuchung; also miisste, würde der ab- 
strakte Logiker meinen, die psychoanalytische Methode »logischer- 
weise« auf gesellschaftliche Phänomene angewendet werden können, 
ohne Schaden anzurichten. Meine Freunde verfallen hier unbewusst 
abstraktem, idealistisch-logischem Denken. Sie haben recht nach 
den Gesetzen der abstrakten Logik; sie irren bedenklich nach den 
Gesetzen der Dialektik. Tüftelei? Nein, sondern ein höchst einfacher 
Tatbestand; Die Methode des dialektischen Materialismus ist zwar 
eine einheitliche Methode, wo immer wir sie anwenden, überall gilt 
der Satz der Einheit der Gegensätze, des Umschlagens der Qualität in 
die Qualität etc. Und doch ist die materialistische Dialektik eine 
andere in der Chemie, eine andere in der Soziologie und wieder eine 
andere in der Psychologie. Denn die Methode der Untersuchung hängt 
nicht in der Luft, sondern ist in ihrem besonderen Wesen von dem- 
jenigen Gegenstand bestimmt, auf den sie angewendet wird. Gerade 
hier enthüllt sich die Richtigkeit des Satzes von der Einheit von Den- 
ken und Sein. Man kann daher den Sonderfall der materialistischen 
Dialektik der soziologischen Methode nicht austauschen gegen den 
anderen Sonderfall der Dialektik der psychologischen Methode. Wer 
den Standpunkt vertritt, man könne soziologische Fragen mit der 
psychoanalytischen Methode richtig lösen, bezieht gleichzeitig, ob er 
will oder nicht, auch den anderen Standpunkt, dass man etwa den 
Kapitalismus mittels der Methoden der chemischen Analyse erklären 
könne. Die Argumentation wäre die gleiche wie bei der Anerkennung 
der Gültigkeit der psychoanalytischen Methode für gesellschaftliche 
Tatbestände; denn der gesellschaftliche Prozess hat zweifellos ebenso 
mit Materie wie mit Menschen zu tun. Wenn man also psychologisch 
ohne weiteres untersuchen kann, warum dann nicht auch chemisch? 
Man sieht an diesem Beispiel, wohin der Standpunkt Fromms führen 
würde, wenn man ihn konsequent verfolgte. Fromm hat unrecht', 
wenn er behauptet, dass die Analytiker zu falschen Ergebnissen auf 
soziologischem Gebiete kamen, weil sie in der Soziologie von der analy- 
tischen Methode abwichen. Nein. Sie waren restlos konsequent in der 
Anwendung der Methode der Deutung sinnvoller psychischer Inhalte, 
der Rückführung der psychischen Phänomene auf unbcwusste Trieb- 
mechanismen bei gesellschaftlichen Phänomenen wie etwa kapitali- 

55 



Wi. 



stischer oder monogamer Organisation. Und gerade deshnlh „■ 
sie fehl, denn die Gesellschaft hat keine Psycfe kein tJnh. ^f " 
keinen Trieb, kein Ueberich, wie Freaä in ^UnLehagen? anX^^^^^^ 
so wurden die wirklichen Tatbestände, an denen iede InJ^lnl^f ' 
dung der materialistischen Dialektik Aängt^W^t": tXT 
artige Prozesse, wo sie sich objektiv nicht ^,nrfi„,}Jt, '°/"°'='^*- 
kommt Unsinn heraus. Es stimm auch n ich Je p' "^ ""' .'°'"* 
dass e,-„ und derselbe Gegenstand gleich.ei;^ ^h". i^r^X 
hsch untersucht werden könne. Die Physik kann nicht die ehS-he 
Zusammensetzung, und die Chemie nicht die FallReschw „ritw / 
stimmen, es werden eben mit verschiedenen Merodri beide" 
d,alel.t,sch-ma tenalist,sch sind, verschiedene Funktionen ^der eL n 
Schäften A..e/6« Gegenstandes unlersueht. Genau das gleTche ri"t 
für d,e Soziologie. Ben gleichen geseljschaftlichen Tatbestand psycho 
logisch und soziologisch-ökonomisch erklären, das bringen n der Tat 
nur Jongleure der Wissenschaft eines bestimmten wohlbekamln 
Typus zus ande. Das ist Eklektik schlimmster Sorte. Die ver chie 
denen Funktionen desselben Phänomens mit den entsprechenden Me- 
h»„t-^, "."'7™'"=° """ dabei die gegenseitige Zuordnung und Ab- 
hängigkeit dieser Funktionen erkennen, ist Anwendung des dialtk 

"ial pvcbo, """r"" '^™'' ^™""" <""^- fo™u'iert.'dass die So- 
der psCtchent" 8f^.^"-''='n''*» Hintergründe und Funktionen 
BeisS n Erscheinung« untersuche, so ist das unrichtig. Ein 

Hg on def m'", r"'"'"''^ Hintergrund und die Funktion der Re" 
fflZ;„b t '"■ ''""^ soziologisch-ökonomisch Funktion einer 

ffla6.e„bez,ehung, des Produktionsverhältnisses Arbeiter-KanitaTst- 
dÜrThn ff '"'"'"' ""* "''' P"™teigentum an Produktionsm tt n 
ArreUskraft"ar '^""t''° Gebrauchswert und Tauschwert der Ware 
AiDeitskraft, also soziologischer Kategorien. Dieses Produktionsver 

d^ hrrih^rn^Kf ^"'°'^^'™ wirtschaftlichen Mac'httss'Xrn 

sehaftmUgttr ^Z^T ^'t^^^Z^'^Z ^^^d"^^^"' 
ihre Struktur mit Hilfe besonderer ittUutronen" e^^r d'er'tmiu: 
dann der Schule, Kirche etc. verändert und zu einer chroni.e^ ' ' 
typischer Weise reagierenden Formation gestaUet W'r hlben dann 
eine so.ialpsychologische Erscheinung vor uns, etwa da Vater Sohn ' 
Verhältnis m seiner Zweiheit: Hönakeit dIik, 4„f;„^„ vater Sohn- 
Autorität, das sich primär auf die Ökonom! scheCrehun,f X d l' 
LTenTn " f "7"°"^"= Getühlseinstellung stü'zt Nact d^r 11 
fiziellen psychoanalytischen Ansicht schafft diese Gefühlsbeziehnn!, < 
das Vatersohnverhältnis, also die Erscheinung der au oHtären Be^°f ^ 
hung etwa zwischen Kapitalist und Arbeiter, während in WirklichkeH ' 
.diese autoriare Beziehung auf Grund der Klassenbeziehung „„7 der 
gefuhlsmassigen vorhanden ist. Die Untersuchung mit der sozioto ] 
gisch-okonomischen Methode führt zur Aufdeckung der Klassenhe^ 
hung. Die Untersuchung mit den Mitteln der Psychoanalyse fXt zur" v 



' iiv r Klärung der gesell schaftU- 
Aufdeckung ihres ß"'™'^' ^''° "'aeren psychischen Verankerungen. 
=hen Funktionen, sondern ""; ™ °7'^„,P ^'diese Beziehung verschre- 
Geht man umgekehrt vor, b*andeU ,y,eher Instanzen 

dener Individuen zwerer Klassen ^re ^^^^ ^^^^. ^„^ G^^mt 

in ein und 'i«'"'*'="=™,*':"!!Ked zu"ein. zu der Ansicht kommen, dre 
her ein besonders s*''='*'" f "„ ^ , gegenüber äusserte, die Bour- 
einmal ein tührender Ana ytikeT ^ ^ | ^ ^^^ Es des sozialen Or- 

geo^sie sei eben das U*'="*,-/;;J™„„ die Funktion des Uebenchs, 
la ismus, und die Bourgeo.s.e erjulle n ^^^^ ^^ ^,„ 

1, Es im Zaume zu halten Ich bin ^^^^ notwend.ger- 

h ^zensguter Mensch ist. t™tzdem -us^'yj-.^^ ^.^^ ^„^ ,,„ Straf- 
v,eise zum Schluss kommen, d.ePo^rz ^^^ ^^^,^^^ tostituUon und 
öedürfnis der Massen, v,e, er to P ^^^ ^.^ Beherrschten psycho- 
nicht ihre Psychologie und ihre W irKU s 

logisch untersucht. „„„irisch-soziologischen Arbeiten die 

Ich habe in verschiedenen empinschs.^ .„gewendet, ohne, 

psychoanalytischen Ergebnisse m der S^^ J ^ ^^^^,^^„ ,,^ 

Biologie untersucht ^le Proze^e ä'e z ^^^^.^^^ ^^^ Kapitalist 

sie etwa das Pro'J^W^f^.'.^f'H'ch™ Wirtschaft, wonach die Ware 
eruiert, das Gesetz der kapitast^schen^^^.^^^^ ^^^^^^^ ^^ 

Arbeitskraft vom 8'=«''"' /" «Ire sie findet andere ökonomische 
braucht wird wie iede -*=- „Y^,":; u",„nehmer zu Lohnredukt.o- 
Gesetze, wonach die Konkurrenz der ^^^^^ ^^„ ht 

„en zwingt, um die P'°J! [^'^™ '* ^Bewusstsein der betreffenden 
sich aber durch den Wrüen und das Be ,^ j^^^^^^^ter Weise 

Arbeiter, das ^eisst die soz, ogisdie Tatsa^^ ^^^^^^.^ ^^^^^ 
psychisch- repräsentiert ^'""^ ^ängt ab, was sie aussagt. Es 

sagen haben, aber wie? Denn davo f^ . ^^^ Unbewusslen 

^'rd nun sofort einleuchten da- de W^^^^ ^^^ ^^^^^ ,„ 

eines oder mehrerer f"^'^"\^,, seine »Hintergründe, aus- 
gesellschaftliche Erscheinung oder übe ^ _^,^ ^^^ ^ 
Lgenwird, Ja nicht einmal sehr ^«a übe ^^^^ ^.^ d,s dresen 

bewogen, sich am Streik zu '"'*'=7f "^„ .„,„s„ehologie betreiben, sa- 
Irteiter; Gemeinsame erfassen, a o Sozialp y J ^^,_ ,^^ 

* wir nichts darüber aus. ^arum es SU« ^^^^^ ^^^^ ^,^ 

fdsst auch die Sozialpsychologie erklart n^cht^,^^^ ^.^ .^^^^ ^,.^^^„ 
Autdeckung der l-^tantilen Konflikte der ^^ ^^^^ ^^„^„„ „„r 

„der Müttern hat nichts «"» "* lesthalten müssen - mit 
_ und das ist dasjemge, ^'f ..™ «^"\ en Boden (kapitalistische 
dem gemeinsamen h';t°"-^;°XTrr Gese.lsch^ aus dem sich 
^--X'""^ek" Eltern-Kinder-Konflikte ergebe^n^ 



Versucht man dennoch das, was Jnan bei der Analyse des Arbeiters 
lindcl, zur Erklärung? der Erscheinung ^Streik« heranzuziehen, so 
koinml man zum Seliluss. der Streik sei eine Revolte gegen den Vater. 
Dass man dabei »Streik« und »psychisches Verhalten im Streik*; 
gleichsetzte, entgeht der Aufmerksamkeit. Diese Differenz ist aber 
entscheidend. Man Übersicht es entweder aus methüdologischer Un- 
klarheit oder aus bewussten oder unbewussten reaktionären Motiven, 
denn die soziologische Deutung führt zu anderen Konsequenzen als die 
psychologische, jene zur Erkenntnis der Gesetze der Klassengesell- 
schaft, diese zu ihrer Verschleierung. 

Der Streik kann in die psychische Arbeit des Unbewussten mitver- 
woben sein, etwa in Form eines Traunies, wobei der Streik als Ta- 
gesrest wirkt; merkwürdigerweise ist das weit seltener der Fall als bei 
anderen, der Sexualspharc entstammenden Tatbeständen. Aber aus 
diesem Tatbestand den Streik erklären, führt zu dem Gleichen, was 
der offizielle Kulturforscher der Psychoanalyse, Roheim, tut. Aus- 
sagen über primitive Kulturen aus den Träumen der IMmitiven zu 
machen, stall den Konfliktinhalt der Träume aus den primitiven Kul- 
turen zu erklären. 

Mit der Psychologie erfassen wir also das Verhalten des Arbeiters 
im Streik, nicht den Streik selbst. Insofern aber das Verhalten der 
Arbeiter den Ausgang des Streiks mitbestimmt, »spielen psychische 
Faktoren mit«. Etwas anderes ist jedoch, wenn wir davor stehen, dass 
die soziologisch-ökonomische Situation eigenlich einen Streik zeitigen 
müsste, dieser aber ausbleibt. In desem Falle versagt die soziologisch- 
ökonomische Untersuchung, wenn sie eine unmittelbare historisch- 
ökonomische Beziehung finden will, denn hier wurde der Ablauf eines 
soziologischen Prozesses durch ein drittes gestört. Dieses dritte ist 
ein psychologischer (sozialpsychologischer oder massenpsychologi- 
sclicr Tatbestand), etwa mangelndes Vertrauen der Belegschaft zu 
den Anregern des Streiks, also zur Führung, Bindung an reformisti- 
sche, den Streik sabotierende Gewerkschaftsführer oder ängstliche 
Scheu vor dem Unternehmer. In anderen Fällen mag Angst vor den 
materiellen Schwierigkeiten in der Streiklage ausschlaggebend sein. 
Aber auch dieses Verhalten, das natürlich ausschlaggebenden Einfluss 
auf das Ablaufen des Klassenkampfes hat, ist selbst wieder nicht nur 
unmittelbar psychologisch, sondern entscheidend mittelbar wieder so- 
ziologisch zu erklären. Denn die Bindung an den reformistischen Ge- 
werkschaftsführer ist selbst das Ergebnis einer bestimmten, letzten 
Endes soziologischen Beziehung; in dem einen Falle kann es der 
oberflächliche Grund der Angst vor Entlassung, im anderen der tie- 
fere einer Angst vor Auflehnung gegen die Autorität sein, die der in- 
fantilen Vaterbindung entstammt. Aber woher stammt die Vaterbin- 
dung und die auloritäre Angst? Dock wieder nur aus der familiären 
Situation, die selbst soziolügisch-ökonomisch begründet ist. Es han- 
delt sich also bei der An\j-endung der Psychologie immer nur um die 

58 



s^ri ■■'" "'^^'' "''^'" ^^'"iger zahlreichen Zwischenglieder zwU 

sehen dem ökonomischen Prozess und der Aktion des Menschen in 

r^P^I'""^*'"" ^^^ Verhalten, desto enger ist das Aufgabengebiet 

rjf, f . ?^^ *^^' Unbewussten; je irrationaler, desto weiter, desto 

mehr bedarf die Soziologie der Hilfe der Psychologie. Das gilt vor 

allem für das Gebiet des Verhaltens der unterdrückten Klassen im 

Klassenkampf. Dass ein Industriearbeiter oder die Industriearbeiter- 

sehaft die Angleichung der Aneignungsform an die Produktionsform 

anstrebt, bedarf keiner andern als der zusätzlichen Bemerkung, dass 

Sie dabei den einfachen Gesetzen des Lust- Unlust-Prinzips 

Dass aber die unterdrückte Klasse in breiten Schichtenj^ Aus 
jeutung in dieser oder jener Form bejaht oder Saru;^(^ff^^ ist ' 
nittelbar nur psychologisch und erst_miiteife^,i;^;,kt.son;b 
u verstehen Dass die bisherigj^nalytische Soziologie umgekehrt 
^erfuhr, die Auflehnung psjg-tfl^iogisch zu erklären versuchte, di^ 
.eistung der GefolgschafJ^rfingegen als eine Gegebenheit hinnahm, die 
keiner Erklärung bedm;^, ^egt an ihrer Fassung des Realitätsprinzips 
wonach heimErw^ffTfr^enen. das Lustprinzip durch die Anpassung an 
e^ai'ifiSfingen der Realität abgelöst werde. Zur Realität gehört aber 
nicht nur das kapitalistische Gesetz der Ausbeutung, sondern auch 
das eigene Bewusstsein davon, das ein Leidensbewusstsein ist und 
daher McAfanpassung zur Folge hat. Die offizielle Ansicht erklärt 
die Nichtanpassung für infantiles, irrationales Verhalten. Hier steht 
Well an schauung gegen Weltanschauung. Gewiss, wir leugnen ja 
nicht wie unsere Gegner unseren politischen Standpunkt. Aber wir 
|- halten fest: Der Unterschied dieser politischen Stellungnahmen be- 
ruht darin, dass die eine als Anlage des menschlichen Wesens psy- 
chologisch deutet, was soziologisch-ökonomisch zu erklären ist, und 
das, was sie zu erklären hätte, übersieht, nämlich die Hemmung des 
Ablaufs soziologischer Prozesse, somit — und zwar in beiden Fällen — 
■von der Wirklichkeit ablenkt; die andere Stellungnahme dagegen 
j schaltet nichts, gar nichts aus der Reichweite des menschlichen Er- 
kenntnisvermögens aus, sie hat das gerade umgekehrte Interesse, alles 
:in den Bereich der Wissenschaft zu rücken, durch die grundsätzliche 
(Anwendung der Methode des dialektischen Materialismus auf allen 
tGebieten zu einer wissenschaftlichen Weltanschauung zu gelangen 
iund derart die Philosophie, sofern sie bisher die Wissenschaft vom 
^Unerkannten ist, überflüssig zu machen. 

i Zusammenfassend ergibt sich, dass die bewusste oder unbcwusste 

^Anwendung des dialektischen Materialismus auf dem Gebiete der 

Psychologie die Ergebnisse der klinischen Psychoanalyse liefert die 

Inwendung dieser Ergebnisse in der Soziologie und Politik zu einer 

narxistischen Sozial Psychologie führt, während die Anwendung der 

psychoanalytischen Methode auf Probleme der Soziologie und Politik 

n einer metaphysischen, psychologisierenden und überdies reaktio- 

tären Soziologie enden muss. 



./■ 



\ ■ 




5^ 



Vilhelm Reich », , ^1^ ^""^^^• 

Massenpsychologie des l-aschismus 

Zur Sexualpolmk der politischen Reaktion und zur proletarischen Sexualpolifik 

r^ ^^n^^^ÄTltbX^ ^hrrib^^i ° Marcdse u. a. 

1 . Das Motiv zu dieser Untersuchung ist weder eine 

ÄeS£ rJ^JT^^ir ^== 

dass de^,Marxismus ^^^^^^^^ kann. Was war denn bisher 

solche P™P-«^''^.l.^; Attacke auf die gegnerischen Ideologien? 
das A und O seiTiei ^^ ■^^.iöse Dogmen, moralische Begriffe 
Politische Institutionen, r^^^«'°'ti;^?^tiichen Interesses der 
wurden als Einhüllung des ^^'^\'^^^l'%'''^^n das Resultat 
herrschenden Klasse »^'^"arvt. Jetzt d ^^^htbar ge- 

dieser jahrzehntelangen ^nt arvungspadago|... ^^^^ ^^^^ 

j"';," „vTr^iTch den konkretesten Hinweis auf das Gluck g.b„a«. 

rdüngmek.daf jeder Einzelne am eignen Leibe nnd e.gnen „„.,,,,,.. 

Leben erfährt« 




r^ 




Wilhelm Reich: 



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